Berlin : Ein Kniefall

Über viele Jahrzehnte sorgt das Kniegelenk für geschmeidige Beweglichkeit. Doch im Alter nutzt es sich manchmal ab. Dann ist ein künstlicher Ersatz nötig

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Das Eis war schuld. Als Wolfgang Schmidt (Name geändert) im Februar auf dem spiegelglatten Bürgersteig wegrutscht, verdreht er sich das linke Knie. Nur ganz leicht. Aber das genügte schon. „Es war, als ob mir der Schmerz mit einem Knall ins Hirn fuhr“, erinnert sich der 62-Jährige. Gut, dass ein Zaun in der Nähe war, an dem er sich festhalten konnte. Sonst hätte ihn der Schmerz wohl umgehauen.

Jetzt war es wirklich nicht mehr aufzuschieben: Wolfgang Schmidt braucht ein neues Kniegelenk.

Die Schmerzen waren schon seit knapp zehn Jahren seine ständigen Begleiter – und auch einer der Gründe, warum der ehemalige Maschinenschlosser und Vorarbeiter vor fünf Jahren in den Vorruhestand ging. „Ich saß in einem Büro im fünfter Stock, da musste ich tagsüber öfter mal über die Treppe rauf und runter. Doch das war immer weniger erträglich.“ Starke Schmerzmittel verschafften ihm jedesmal ein oder zwei Wochen Ruhe, bis es wieder von vorne losging.

So blieb es auch als Rentner. Zwar brauchte der Spandauer nun keine Treppen mehr zu steigen, dafür fiel ihm die Arbeit auf dem kleinen Wassergrundstück an der Havel immer schwerer.

Ein paar Wochen später liegt Wolfgang Schmidt auf dem OP-Tisch in der Spandauer Havelklinik. Zwischen all den blauen Operationstüchern fällt sein dunkelgraues gelocktes Haar und sein grauer Schnäuzer besonders auf.

Die Havelklinik ist ein Belegkrankenhaus, das heißt, hier operieren niedergelassene Orthopäden ihre Patienten, die sie auch in der Praxis betreuen, und nutzen für die Eingriffe das Personal und die Technik der Klinik quasi als „Mieter“.

Andreas Pingsmann ist einer von ihnen. Der 49-Jährige hat seine Praxis in der Biberburg, einer Praxisgemeinschaft in unmittelbarer Nähe der Havelklinik.

Heute ist OP-Tag, heute ist Pingsmann den ganzen Tag im Krankenhaus. Sein Tag beginnt früh. Es ist kurz vor sieben Uhr. Wolfgang Schmidt ist heute sein erster Patient. Kurz vor dem Eingriff stellt sich ihm Pingsmann vor, erklärt ihm kurz, was gleich mit ihm passieren wird. Kurze Zeit später schläft Schmidt tief in Vollnarkose.

Eine Knie-Operation wäre aber auch unter Teilnarkose, also einer Betäubung des Körpers unterhalb der Lendenwirbelsäule möglich. Die Wahl der Methode hängt vom Patienten ab – manche wollen unbedingt bei Bewusstsein bleiben und alles mitkriegen, andere wollen genau das lieber nicht – und von seiner körperlichen Verfassung.

Vor dem ersten Schnitt umwickelt der Chirurg den linken Unterschenkel seines Patienten fest mit einer weißen Bandage. Damit soll verhindert werden, dass sich durch die Operation Blutgerinnsel bilden, die plötzlich Gefäße verschließen könnten. Früher war es auch üblich, den Oberschenkel abzubinden, um den Blutverlust bei der Operation in Grenzen zu halten. Heute schneidet der Operateur erst und verschließt danach gezielt die großen Gefäße, die bluten könnten. Er benutzt dafür eine Pinzette, die unter Hochspannung steht. Damit wird das durchtrennte Gewebe quasi verkocht und so verschlossen.

Trotzdem: Der Eingriff am offenen Knie ist eine blutige Sache. Nach einer halben Stunde Sägen, Hämmern und Bohren ist der grüne OP-Kittel des Chirurgen übersät mit roten Spritzern.

Zimperlich darf der Chirurg nicht sein. Pingsmann zieht mit einem Skalpell den ersten etwa 15 Zentimeter langen Schnitt längs über das Knie seines Patienten. Das Bein steht angewinkelt auf dem OP-Tisch. Die Spannung zieht die Haut über dem Gelenk nach beiden Seiten auf. Aber das reicht noch nicht: Der Arzt greift mit einer Hand in die sich öffnende Wunde und zieht die feste Mischung aus Haut und Gewebe und die darin gehaltene Kniescheibe mit einem kräftigen Ruck nach rechts weiter vom Knochen. Das Kniegelenk wird sichtbar. Die beiden Knorpelscheiben – auch Menisken genannt – , auf denen bei Bewegungen der Ober- und der Unterschenkel entlanggleiten, sind nur noch rudimentär vorhanden. Weißlich sind die schon abgeschliffenen Enden von Ober- und Unterschenkel zu erkennen. Kein Wunder, dass Schmidt solche Schmerzen plagten.

Pingsmann misst das Gelenk aus. Größe 4, „Large.“ Für jede Prothesengröße gibt es auch die passende Schablone, um die Knochen in die richtige Länge und Form zurechtzusägen. Je eine Schablone wird am Unter- und am Oberschenkelknochen provisorisch angeschraubt. Sie dienen als Auflagefläche für Säge und Bohrer. Denn die abgesägten Flächen und das Bohrloch müssen genau zur Prothese passen.

Die Säge trägt die Schneide an der Vorderseite, etwa so wie bei einem Haarschneider. Sie arbeitet aber lauter, schließlich sägt sie dicke Knochen, keine Haare. Gelbliches Knochenmehl fällt seitlich herunter. Schließlich hebt Andreas Pingsmann eine dunkelrot-pergamentfarbene Scheibe vom Unterschenkelknochen ab, legt sie in eine Schale.

Immer wieder prüft der Chirurg während der Operation mit einer gelben Plastikschablone, ob die beiden Prothesenteile auch einen genügend großen Spalt lassen, um die natürliche Beweglichkeit des Gelenks zu erhalten. Dazu steckt der die Schablone zwischen Ober - und Unterschenkel, streckt das Bein und rüttelt ein wenig daran. Er ist zufrieden. „Ausreichende Beweglichkeit.“

Dann bohrt er ein Loch in den Unterschenkel, das dem Markkanal folgt. Gelblich tritt eine Creme zutage, eine Mischung aus Knochenstaub und dem Knochenmark. In dem Loch wird die Unterschenkelkomponente – also die Auflagefläche für das Gelenk – verankert. Der Schaft des Prothesenteils wird in den Knochen einzementiert.

Der ganze OP-Raum riecht plötzlich stark nach Lösungsmittel. Der Geruch kommt aus der geöffneten Packung des Knochenzementes. Denn im Knochen muss die Masse schnell abbinden. Dabei entwickelt die Masse große Hitze, bis zu 90 Grad kann das Material warm werden.

Der grünlich-graue Zement besteht aus gemahlenem Plexiglas, Farbstoff – und es enthält ein Antibiotikum. Zur Vorbeugung. Denn tiefe Wundinfektionen sind eine gefürchtete Komplikation einer solchen Operation, die die Leiden der Patienten und deren Klinikaufenthalte sehr in die Länge ziehen können.

Möglich ist zwar auch eine zementfreie Implantation, bei der die Prothese nur durch die Knochenspannung gehalten wird. Aber dazu muss die Knochensubstanz perfekt sein, und das ist eher bei jüngeren Patienten der Fall.

Die Prothese kommt in seine Bestandteile zerlegt daher – in verschweißten Kartonpackungen, die in edlen schwarzweißen und roten Tönen gehalten sind. Es sieht so aus, als reiche die Schwester dem Arzt ein teures elektronisches Unterhaltungsspielzeug.

Die Oberschenkel-Komponente der Prothese, also die gerundete Gleitfläche, wird bei Herrn Schmidt ohne Zement in die vorgebohrten Löcher eingesetzt. Die Knochensubstanz ist noch in Ordnung.

Das gesamte Kunstknie besteht aus einer Kobalt-Chrom-Legierung. Das Gleitmaterial dazwischen, das die Funktion der natürlichen Knorpelschicht übernimmt, ist Polyethylen. Pingsmann verwendet eine relativ teure Prothese: 2000 Euro das Stück. Andere Modelle kosten 1600 Euro oder auch mal weniger.

Trotzdem: „Eine solches Kunstgelenk bedeutet einen großen Zuwachs an Lebensqualität für die Betroffenen – da ist der Preis verhältnismäßig günstig.“

Pingsmann setzt auf die bewährten Systeme. „Das Modell ist seit 1977 über 800 000 Mal eingesetzt worden und hat in der Zeit auch schon einige Umbenennungen der Marketingstrategen durch. Jetzt heißen sie high performance, davor auch schon mal classic.“ Das „klassische“ ist eben auch das Bewährte. „Und da ist dann auch die Erfolgsquote hoch“, sagt Pingsmann, der in seinem Berufsleben schon mehr als 800 Knieprothesen implantiert hat. „Nach zehn Jahren funktionieren die Prothesen bei 95 Prozent der Patienten, nach 15 Jahren noch bei 92 Prozent.“ Eine gute Quote.

Bewährt – so will es das deutsche Gesetz – sollen auch die Operateure von Knieprothesen sein. Deshalb schreibt der Gesetzgeber Mindestmengen vor. Jedes Krankenhaus, dass Knieprothesen implantieren will, muss das mindestens 50 mal pro Jahr tun. So soll eine gewisse Erfahrung und Routine gesichert werden. Über die Erfahrung der einzelnen Operateure sagt solch eine Klinikmindestmenge allerdings wenig aus. Pingsmann selbst implantiert pro Jahr rund 80 Knieprothesen.

Die Mindestmengen-Regel führte dazu, dass auch in Berlin weniger Krankenhäuser Kunstknie implantieren, als noch vor fünf Jahren. Andere, die damals unter 50 Knieprothesen lagen, machen plötzlich mehr davon.

Wird gar zu viel operiert? „Die Chirurgen stehen zueinander in harter Konkurrenz“, sagt Andreas Pingsmann. „Da würde es sich schnell rumsprechen, wenn Patienten keine Besserung nach dem Eingriff verspürten. Und diese Verbesserung gibt es nur, wenn es vorher einen hohen Leidensdruck durch die Bewegungsschmerzen gab.“ Man könne niemanden operieren, der keine Beschwerden hat.

Fertig. Die Knie-Operation hat ganze 75 Minuten gedauert. Herr Schmidt wird noch ein paar Tage den Wundschmerz verspüren, aber die anderen Schmerzen, die im Knie, werden verschwunden sein.

Heute, zwei Wochen später, ist Schmidts Entlassungstag. Er hat zwar noch ein paar Probleme. „Aber die Wundschmerzen sind lange nicht so schlimm wie die Beschwerden vor der Operation.“ Ohne Gehhilfen schafft er es bisher aber nur, kleinere Strecken zu laufen. Das soll sich in den mindestens drei Wochen Reha-Klinik, die vor ihm liegen, ändern. Trotzdem: „Wenn mein anderes Knie einmal kaputtgeht, werde ich es auch austauschen lassen. Aber das darf ruhig noch drei, vier Jahre dauern.“

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