Berlin : Ein Koch, der was von Luxus versteht

Elisabeth Binder

Regensburger Str. 7, Schöneberg, Telefon 2 18 42 82, geöffnet täglich außer sonntags und montags ab 18 Uhr. Alle Kreditkarten.Elisabeth Binder

Gäste haben ein Elefantengedächtnis, das sollten sich alle Restaurantbetreiber in ihre Erfolgsgebote schreiben. Vor einigen Jahren besaß ich noch den Ehrgeiz, Besuchern, zum Beispiel aus Blankenese, die Stadt im allerrosigsten Licht vorzuführen. Der Bamberger Reiter schien eine absolut sichere Wette. Im alten West-Berlin eines von drei Spitzenrestaurants, altmodisch gemütlich eingerichtet, exzellente Küche, war dort alles ganz so, wie es sich gehört. Nur dass mein Begleiter an jenem ersten Abend Gips trug. Der damaligen Patronne war er mit seiner vorübergehenden Behinderung ein Dorn im Auge, und sie ließ ihn das mit ihren Blicken deutlichst spüren. Seit jenem Abend hat Blankenese das alte Vorzeigelokal immer gehasst. "Aber nun steht es unter neuer Regie", sagte ich auf sein Aufstöhnen, das meinem Vorschlag folgte, einmal wieder dorthin zu gehen. Vorsichtig verschwieg ich, dass ich nach dem Besitzerwechsel durchaus Zwiespältiges gehört hatte.

Freundlicher Empfang, und schon nahmen wir Platz in einem der drei festlich geschmückten, mit viel Holz ausgestatteten Räume. Achtung, Bonner: Hier gibt es die Möglichkeit, sich abzuschotten vom Rest der Welt. (Die Neu-Berliner aus der Politik interessieren sich, wie ich hörte, brennend für Hinterzimmer.)

Es gab tolles dunkles Brot, das, mit Butter genossen, wie Kuchen schmeckte, und zwei weitere Sorten, die auch nicht schlecht waren. Es macht sich in einem Luxusrestaurant allerdings immer gut, wenn das Service-Team weiß, was Luxus bedeutet. Zum Beispiel wirkt es nicht luxuriös, wenn eine junge Kellnerin so angestrengt versucht, den Eichstrich im Champagnerglas genau zu treffen und bloß keinen Tropfen zu viel an den Gast zu verschwenden (20 Mark). Auch sollten die Betreiber eines furchtbar teuren Restaurants darauf achten, dass ihre Service-Leute entsprechend angezogen sind. Sie müssen die Gäste nicht übertrumpfen, sollten aber auch nicht in gar zu schlichten Fähnchen herumlaufen. Aber nett und bemüht waren die Kellnerinnen, das fand sogar Blankenese.

Der Koch jedenfalls versteht etwas von Luxus. Wir haben zwar nicht gesehen, was er anhatte, aber er ließ ein prächtiges Amuse Gueule auftragen: auf einem großen Porzellanteller eine Mini-Portion Krustentiersuppe, Rindfleisch in Tempura und Auster in Gurkenschaum. Alles sehr schön. Es gibt zwei Menüs (145 und 185 Mark), aus denen man je nach Vorratslage einzelne Gänge herauswählen kann, und außerdem eine Auswahl an A-la-Carte-Gerichten.

Die Galantine von der Wachtel mit Gemüsemosaik und Apfel-Ingwer-Confit schmeckte vorzüglich und sah auch so aus (36 Mark). Muskatkürbis ist im Moment der letzte Schrei, also probierte ich den Eintopf von Muskatkürbis und Hummer (28 Mark). Ausgezeichnet. Sodann folgte der zarteste Rehrücken seit langer, langer Zeit. Wirklich, das Neustrelitzer Reh schmolz auf der Zunge dahin. Dazu drei vereinzelte kleine Rosenköhlchen und eine noch vereinzeltere Kartoffelmaultasche (56 Mark). Obwohl man hier inzwischen viele Leibgerichte von Sternverkostern auf die Karte genommen hat, Taubenbrust zum Beispiel, Jakobsmuscheln und Gänsestopfleber, scheinen regionale Spezialitäten in Haute-Cuisine-Ausführung sehr zu Recht Renner zu sein. Auch der Loup de Mer auf Hummer war so gut, wie er sein kann (58 Mark). Wir tranken dazu aus der bescheideneren Abteilung der mit deutschen Weinen gut bestückten Karte einen 98er Ihringer Winklerberg von Heger (50 Mark). Zum Nachtisch probierte ich die Schlosserbuben, das sind mit Marzipan und Mandelkern gefüllte Pflaumen im Teigmantel auf Ananasconfit. Dazu gab es weitere unerwartete Süßigkeiten, Schokoladenmousse und Pistazienpraline (25 Mark). Auch die Beerenterrine mit Schokoladeneis und Gewürzorangen brachte noch etwas Zusatzfracht. Das war am Ende fast ein bisschen unübersichtlich (25 Mark). Zu Kaffee und wilder Himbeere gab es Pralinen, wie sich das für ein feines Restaurant gehört. Und als uns mal die Serviette runterfiel, wurde gleich eine neue gebracht.

Und dann die Rechnung. Obwohl wir vergleichsweise bescheiden waren, uns jeder mit drei Gängen begnügt hatten und mit unauffälligen Getränken, kostete das mit Trinkgeld etwa 200 Mark pro Person. Das ist für ein Restaurant, das zwar sehr ordentlich ist, aber seine Spitzenposition doch verloren hat, angesichts der feudalen Konkurrenz, die derzeit aus Berlin ein Gourmetparadies zu machen versucht, einfach zu viel. Regionale Spezialitäten weiterhin toll ausführen, die Jakobsmuscheln andern überlassen und die Preise so gestalten, dass ein anständiger Bonner keinen Skandal anzettelt, wenn er sich hier mal in diskreter Runde trifft: Das wäre eine sichere Zukunft. Aber vielleicht denke ich da zu bieder. Oder im Bamberger Reiter sitzt irgendwas in den Wänden, das es uns nicht recht machen kann; diesmal immerhin war Blankenese begeisterter als ich. Was daran liegen mag, dass er so konservativ ist. Für so viel Geld möchte ich jedenfalls gern etwas nie Gekanntes essen.

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