Berlin : Ein Kommissar mit politischen Motiven

Constance Frey

Wir könnten ganz schön neidisch auf Jonas Reinecke sein. Der Hauptkommissar lebt in einer Dachgeschosswohnung am Gendarmenmarkt. Außerdem ist er sehr erfolgreich – im Job und bei den Frauen. Selbst die Berliner Journalisten versehen ihn mit liebevollen Spitznamen. Nun ja, eigentlich nennen ihn alle den „Briganten“, oder vielleicht hauchen sie das auch nur, weil sie so viel Respekt vor dem Mann haben. Natürlich hat Reinecke auch so seine Besonderheiten. Er besitzt zum Beispiel die schrullige Eigenschaft, seinen Hut eigentlich nur zum Schlafen vom Kopf zu nehmen, wenn überhaupt. Und er hat die dumme Angewohnheit, mit allen Menschen, die er trifft, über Politik zu diskutieren. Zu seinem Job gehört das nicht, obwohl es viel zu sagen gäbe. Wir schreiben das Jahr 1929, in dem bekanntlich in Deutschland alles nicht so gut läuft und die Nationalsozialisten großen Zuspruch haben. An denen lässt Reinecke kein gutes Haar, bekennt sich ständig als „Sozenfreund“ und rät Juden, das Land frühzeitig zu verlassen, wenn sich abzeichnen sollte, dass die Nationalsozialisten die Macht übernehmen. Er spekuliert sogar über eine mögliche Verbrennung von Goebbels: „Die Frage ist, ob er vorher noch genug Unheil anrichten kann.“

Das ist schade um die Geschichte, denn sonst liest sich „Der Kommissar vom Gendarmenmarkt“ eigentlich gut. Der Mord wird im idyllischen Eichberg bei Neuruppin verübt. Natürlich trügt der Schein und alles ist ganz anders: Da gibt es den konspirativen Anwalt, einen materialistischen Kommunisten, eine schöne junge Gräfin, stramme Soldaten und jede Menge Berliner Schnauze. Und einige Leichen, denn im geheimnisvollen Fall bleibt es nicht bei einem Mord. Und damit sich dem geistigen Auge die Kulisse ganz erschließt, werden Berliner und Brandenburger Orte anschaulich beschrieben.

— Heinz-Joachim Simon: Der Kommissar vom Gendarmenmarkt. Berliner Edition im Westkreuz-Verlag, Berlin/Bonn, 434 Seiten, 19,90 Euro.

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