Berlin : Ein Kreis muss keine runde Sache sein

Vogelgrippe-Sperrbezirke – und das in der Stadt? Anders als auf dem Land wird die Kontrolle von Sicherheitszonen in der Stadt Probleme verursachen

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„Katzenleine“ wird vielleicht zum Wort des Jahres 2006. Wahrscheinlicher ist aber die Erkenntnis, dass Katzen sich kaum anleinen lassen. Seit Sonnabend gilt die verschärfte Bundesverordnung, nach der rund um den Fundort eines mit Vogelgrippe infizierten Tieres Hunde und Katzen nicht frei herumlaufen dürfen – was praktisch Leinenzwang für Hunde und Stubenarrest für Katzen bedeutet. Die Größe der Sperrbezirke wird mit dem Zirkel bestimmt: Drei Kilometer misst die Kern-, zehn die Beobachtungszone. Ausnahmen sind erlaubt, wenn sie die Bekämpfung der Seuche nicht behindern. Brandenburg macht davon Gebrauch und gewährt Katzen und Hunden in Beobachtungszonen weiter Ausgang.

Nach dem Fund einer infizierten Blessralle bei Wandlitz reicht eine Beobachtungszone seit Freitag bis in den Pankower Stadtteil Buch. Obwohl es in Berlin bisher keinen Verdachtsfall gibt, ist für die Gesundheitsverwaltung klar: „Es wäre illusorisch zu glauben, dass man verschont bleibt“, sagt Sprecherin Roswitha Steinbrenner. Im Fall der Fälle wolle man verstärkt den Leinenzwang für Hunde kontrollieren – der wegen der Hundeverordnung in großen Teilen der Stadt theoretisch längst gilt – und auf krank wirkende Katzen achten. Jagd auf streunende Tiere werde aber nicht gemacht. Weil Berlin anders strukturiert ist als die ländlichen Vogelgrippe-Schwerpunkte, sind kreisrunde Sperr- und Beobachtungsgebiete hier nur bedingt praktikabel. Denkbar wären sowohl Lockerungen wie in Brandenburg als auch die Ausdehnung der Vorkehrungen auf die ganze Stadt.

Eine Sprecherin des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tierseuchen auf der Ostseeinsel Riems hält Letzteres für unnötig: Die Größe der Gebiete sei nach dem Aktionsradius möglicher Überträger und Beherrschbarkeit des Areals festgelegt. Das habe sich bewährt, und „wenn zufällig ein Viertel eines Parks in der Sperrzone liegt, wird man vielleicht den gesamten Park einbeziehen.“ Die Berliner Ämter könnten von Fall zu Fall entscheiden, stadtweite Beschränkungen wären übertrieben – obwohl das Virus „immer wieder für Überraschungen gut ist“. Die infizierte Katze auf Rügen war eine solche.

Sicher sind sich die Experten nur darin: Hygiene wird das Virus in seiner jetzigen Form vom Menschen fern halten. „Gründliches Händewaschen hilft auf jeden Fall“, sagt der Virologe Stephan Becker vom Robert-Koch-Institut. „Seife löst die Lipidhülle des Virus auf und macht es inaktiv.“ Auch Marcel Gäding, Sprecher von Tierheim und Tierschutzverein, rät „zum Verzicht auf den Zungenkuss“ mit Haustieren und Händewaschen nach jeder Beschäftigung mit Hund oder Katze. Eine Ausgangssperre lehnt er ab: „Bei Hunden funktioniert es schon technisch nicht, weil sie Gassi müssen.“ Bei weniger Auslauf würden sie nervös und möglicherweise aggressiv. Noch heikler sei der Fall bei Katzen: „Eine Katze, die plötzlich eingesperrt wird, demoliert die Wohnung“, sagt Gäding. Dagegen helfe nur ausgiebige Beschäftigung mit dem Tier. „Bei all dem, was uns jetzt erwartet, sind die Besitzer der Tiere gefragt.“ Anleinen ließen sich Katzen keinesfalls, weil sie verrückt würden, wenn ihnen etwas Ungewohntes umgehängt werde. Und Plätze für ein zeitweises Asyl habe das Tierheim nicht. So bleibt allen Beteiligten nur die Hoffnung darauf, dass sich die Sperrzonen-Regelung bewährt und die bisherigen Erkenntnisse über das Virus stimmen – etwa die, dass die Rügener Katze sich nur wegen einer extrem großen Virenmenge angesteckt hat. In Berlin dürfte nach Ansicht der Gesundheitsverwaltung gar kein so großer Virenherd entstehen wie auf der Insel: „Hier bleibt kaum ein toter Vogel lange unbemerkt.“

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