Berlin : Ein Lächeln an der Haltestelle

Poznan, km 2944: In Berlin lehrte Solange Olszewska Medizin. Jetzt führt sie mit ihrem Mann eine Busfabrik mit 650 Mitarbeitern. Die BVG gehört zu ihren Kunden

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Die Busfabrik der Familie Olszewski war früher ein Munitionswerk und sieht auch so aus: Eine Lichtung im Kiefernwald zwischen schlecht ausgeschilderten Dörfern bei Poznan. Hinter rostigem Maschendrahtzaun ducken sich eine Montagehalle und ein nackter Gasbetonwürfel. Davor parken fünf Busse wie vom anderen Stern: glänzend, glattflächig, mit getönten Scheiben und lächelnder Designerfront. Blauweiß sind sie lackiert – die Farben der Münchner Verkehrsbetriebe, denen sie in wenigen Tagen übergeben werden. Die Polen haben Mercedes und MAN ausgestochen.

Die Polen? „Ich bin Berlinerin“, sagt Solange Olszewska, 53, die mit ihrem Mann Krzysztof („Ich rede nur, wenn meine Frau mich fragt!“) das Unternehmen führt. Er leitet die Geschäfte im Stammwerk, seine Frau kümmert sich sonst von Berlin aus um Verkauf und Service. Klaus Wowereit nimmt sie gern auf seine Osteuropa-Reisen mit, weil sie für den Standort Berlin schwärmt („Der beste Platz in Europa, wenn man sich engagieren will“) und beweist, dass nicht jeder Pole ein Autodieb oder Kleinbauer ist. Abgesehen davon kann Solange Olszewska lange Reisen wunderbar verkürzen, indem sie ihr Lebensabenteuer erzählt. Es beginnt 1981, als der Fahrzeugtechniker Krzysztof Olszewski gerade in Deutschland gebrauchte Autoteile kaufte und General Jaruzelski in Polen das Kriegsrecht ausrief. Krzysztof blieb in Deutschland, seine Frau – eine Ärztin – konnte ihm illegal folgen, ihre beiden Babys mussten bei der Oma in Polen bleiben. Er bekam einen Job in der Spandauer Neoplan-Busfabrik, sie eine Stelle an der FU. Ihre Kinder durften erst dank eines Briefs von Außenminister Genscher ausreisen.

Drei Jahre später war Krzysztof Chef des Spandauer Neoplan-Werkes. Nach der Wende wollte er die Eigentümer zur Expansion nach Polen überreden, wo die Ikarus-Busse in absehbarer Zeit auseinander fallen würden. Vergeblich. Also einigten sie sich, er dürfe mit der Lizenz und auf eigenes Risiko nach Osten ziehen und dort Klinken putzen. 1994 verkaufte er seinen ersten Bus nach Warschau, im Jahr darauf gewann er eine Ausschreibung für 73 Fahrzeuge in Poznan. Bedingung: Die Busse mussten an Ort und Stelle produziert werden. Mit nichts außer einem Liefertermin in der Hand schwatzte er einer Bank einen Kredit ab und kaufte die marode Halle der alten Munitionsfabrik. Die Busse wurden pünktlich fertig. Aber sie waren den polnischen Straßen nicht gewachsen, wie sich bald zeigte. „Also wollten wir einen Bus für Osteuropa entwickeln: modern, robust und schön“, sagt Solange Olszewska und lächelt. Sie erinnert sich an den Dezember 1998, als die Designer ihren Prototypen präsentierten, in dessen lächelndes Gesicht sie sich sofort verliebte. „Solaris“ stand an dem Bus, was nach Sonne klang und nach ihrem Vornamen.

Bald hatten sie 70 Bestellungen in der Tasche. Ihre Busse bekamen stabile Fahrgestelle und Edelstahlteile, damit ihnen Schlaglöcher und Tausalz nichts anhaben konnten. Während Neoplan strauchelte und vom MAN-Konzern eingeatmet wurde, schafften es die Olszewskis zum Marktführer in Polen und Lettland. Bald lieferten sie in die Schweiz und im Jahr 2000 kaufte der Berliner Unternehmer Richard Herrmann, der auch für die BVG fährt, seine ersten beiden Solaris-Busse. „Es war ein Ossi, der den Mut hatte“, sagt Solange Olszewska.

Inzwischen fahren 16 Solaris-Busse im BVG-Look durch Berlin; die nächsten sind schon bestellt. Wo nichts draufsteht, ist Solaris drin – die BVG verbot den Schriftzug an Front und Heck.

2001 wurde das Neoplan-Werk in Spandau dicht gemacht. Die Olszewskis haben jetzt 650 Mitarbeiter. Bald wollen sie auf ihrer Lichtung eine zweite Halle bauen, weil ihnen der Platz knapp wird.

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