Berlin : Ein Laster namens Beethoven

Die Spedition Kanitz transportiert seit 50 Jahren die Instrumente der Berliner Philharmoniker Spezielle Jumbo-Laster fahren nach Istanbul, Salzburg oder – wie gestern Abend – in die Waldbühne

Nicole Restle

Jörg Noster ist ein leidenschaftlicher Musikfan – und ein pflichtbewusster Unternehmer. Deswegen wäre er einmal sogar beinahe verhaftet worden. Das war, als seine Spedition die Instrumente der Berliner Philharmoniker von Salzburg nach London bringen sollte. Eigentlich ein Routineauftrag. Die Spedition Kanitz, die Noster seit 1977 leitet, ist auf Instrumententransporte spezialisiert. Doch ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt streikten die englischen Zöllner. Die Lastzüge und ihre musikalische Fracht wie geplant mit der Fähre über den Ärmelkanal zu setzen war also nicht möglich. „Doch für das Konzert wurden Margaret Thatcher und Richard von Weizsäcker als Gäste erwartet“, erzählt Noster. „Die Veranstaltung musste stattfinden!“

Da entschied sich Noster für einen riskanten Coup. Er charterte ein Flugzeug und flog die Instrumente nach London. „Bereits beim Anflug auf Heathrow hieß es per Funk, ich solle mich zur Verfügung halten“, erzählt der Mann mit dem Rauschebart. Der Flughafenzoll nahm den unerwünschten „Schmuggler“ gleich in Empfang. Jörg Noster gab jedoch nicht auf, verhandelte zäh und konnte nach 16 Stunden Flughafen und Zoll verlassen – mit den Instrumenten. Das Konzert fand pünktlich statt. Allerdings: Die Berliner Philharmoniker mussten in Freizeitkleidung spielen, die Kisten mit den Fräcken hatten nicht mehr ins Flugzeug gepasst.

Solch nervenaufreibende Touren sind zwar die Ausnahme, doch auch bei den üblichen Aufträgen hat die Spedition einen ungewöhnlichen Job – und das seit 50 Jahren. Egal, ob es nach Istanbul, Helsinki, Salzburg, London oder „nur“, wie gestern Abend, zur Berliner Waldbühne geht – jedes Mal wird besonders sensibles Frachtgut befördert: Geigen, Kontrabässe oder Harfen müssen oft wie rohe Eier behandelt werden.

Für den Transport werden die Instrumente in speziell hergestellte, stoßfeste Kisten verpackt. Um die Lastzüge schnell und optimal zu beladen, bedarf es eines ausgeklügelten Ladeplans, den die Mitarbeiter im Kopf haben müssen. Wichtige Helfer beim Transport sind Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven und Richard Wagner – die drei großen, klimatisierten und luftgefederten Jumbo-Lastzüge haben jeweils 100 Kubikmeter Laderaum. In den 180 000 Euro teuren Spezialgefährten gehen die Instrumente auf Reisen. Luftfeuchtigkeit und Temperatur müssen dabei genau stimmen, um die kostbaren Stücke unterwegs nicht zu ruinieren.

In den Anfangsjahren reichte für den Transport oft ein Lastzug mit 60 Kubikmetern Volumen aus. Heute braucht man meist 200 Kubikmeter Laderaum. „Die Konzertprogramme sind umfangreicher geworden“, sagt Noster. „Und damit auch das zu befördernde Instrumentarium.“ Seit der Unternehmensgründer Gerhard Kanitz am 2. Juni 1956 zum ersten Mal für die Berliner Philharmoniker fuhr, sind die Instrumente immer rechtzeitig an den Gastspielorten eingetroffen. Ist der Zeitplan bedroht, greift Schwiegersohn und Nachfolger Noster aber auch mal zu unkonventionellen Maßnahmen: „In Dover habe ich Polizeischutz angefordert, um pünktlich zum Konzerthaus in London zu kommen.“

Die Transporte, die die Spedition Kanitz auch für das Deutsche Symphonie- Orchester, die Staatskapelle Berlin und die Münchner Philharmoniker tätigt, bringen zwar nur rund 15 Prozent des Jahresumsatzes, aber sie sind für Jörg Noster die Visitenkarten des Unternehmens: „Die Kunden sagen: ‚Wenn der so etwas fährt, dann macht der bestimmt auch einen guten Umzug für uns. Denn der ist an Werte gewöhnt.’“

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