Berlin : Ein Leben im Kampf gegen die Mauer

Der Gründer und langjährige Leiter des Museums „Haus am Checkpoint Charlie“ starb im Alter von 89 Jahren

Hermann Rudolph

RAINER HILDEBRANDT IST TOT

Er verkörperte ein Berlin, von dem die Stadt von heute kaum noch etwas weiß. Nur dass Rainer Hildebrandt, der in der Nacht zum Freitag im Alter von 89 Jahren gestorben ist, mit seinem Lebenswerk, dem Haus am Checkpoint Charlie, noch immer höchst lebendig in die Gegenwart hineinreicht. Dieses Museum vergegenwärtigt wie kein anderer Ort in dieser Stadt die tragischen Zeiten, die sie getroffen, über Jahrzehnte geprägt und die sie schließlich überlebt hat. Zwischen all den Neubauten in der Berliner Mitte hält dieses Museum, das aller Museumpädagogik spottet, wie kein anderes die Vergangenheit der Diktatur, des Schicksals der Teilung und des Kampfes gegen sie wach – und damit die Spur des leidenschaftlichen Ringens, das den roten Faden dieses Lebens bildete.

Am Anfang stehen die dunklen Jahre, in denen die Ost-West-Konfrontation nicht nur eine politische Affaire waren, sondern eine Auseinandersetzung auf Leben und Tod sein konnten. Der junge Psychologe und Soziologe war dabei, als dieses Ringen tatsächlich Kampf war, aber auch ins Zwielicht geraten konnte - die „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“(KgU), die Hildebrandt 1948 ins Leben gerufen hatte, war die entschiedenste, aber nicht unproblematische Ausprägung dieses Willens zum Widerstand. Mit der Gründung der „Arbeitsgemeinschaft 13. August“ reagierte er auf den Mauerbau. Sie kämpfte mit Aufrufen und Anklagen, mit Information und Dokumentationen gegen diese Monströsität. Eine Ausstellung 1962 war der Ursprung des Museums, das im vergangenen Jahr sein vierzigjähriges Bestehen begehen konnte.

Natürlich war Hildebrandt ein Kalter Krieger, und er blieb es mit seiner Leidenschaft, seinem Temperament und seiner Querköpfigkeit auch zu Zeiten, in denen die große Ost-West-Konfrontation schon längst politisch domestiziert worden war. Aber es war ein Krieg, der sich ebenso im Bunde mit den Freiheitsbewegungen in Osteuropa und der Sowjetunion wie mit dem gewaltfreien Widerstand Gandhis wusste – „Von Gandhi bis Walesa“ konnte er 1984 eine Ausstellung nennen. Die Wurzeln dieser Haltung reichten zurück bis ins Dritte Reich, in dem der Sohn eines Kunsthistorikers, dessen Mutter Jüdin war, auf der Seite der Gegner des Regimes gestanden hatte. Albrecht Haushofer, der Autor der „Moabiter Sonette“, der in den letzten Kriegstagen wegen seiner Beziehungen zum Widerstand erschossen wurde, war sein Mentor; er selbst wurde wegen Wehrkraftzersetzung inhaftiert. Hildebrandt hat noch vor zwei Jahren mit einer kleinen Ausstellung an diesen konservativen Nazi-Gegner erinnert.

„Wir sind die Letzten“, hieß das erste Buch, das der junge Autor nach dem Krieg über Haushofer und seine Freunde veröffentlichte. Ein solcher Letzter ist Rainer Hildebrandt selbst gewesen. In seiner einzelgängerischen Unbedingtheit strahlte er bis in sein hohes Alter etwas Jugendbewegtes aus. Daraus – und aus einer unversiegbaren Leidenschaft – zog er einen guten Teil seiner Wirkung. In der Unerbittlichkeit seines Willens, gegen das Unrecht in den Kampf zu ziehen, bewahrte er den Ernst der Nachkriegsjahre, in denen es um das Schicksal der freien Welt ging. Mag sein, dass die Rolle eines einsamer werdenden Zeugen einer vergangenen Epoche, in die er mit den Jahren hineinwuchs, zu den Kontroversen beigetragen hat, die in den letzten Jahren das Museum am Checkpoint Charlie überschatteten.

Das ändert nichts an der Erinnerungswürdigkeit dieses Lebens, das ein Teil der Nachkriegsgeschichte dieser Stadt gewesen ist. Das gilt auch für diese Zeitung, für die Rainer Hildebrandt über viele Jahrzehnte lang geschrieben hat.

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