Berlin : Ein Leben lang links

Karl Richter ist 84 Jahre in der SPD und seit seiner Lehre in der Gewerkschaft. Heute wird er 100

Thomas Loy

Manchmal verheddert sich die Zeit, wenn man so hopplahopp auf sie zurückgreifen möchte. 100 Jahre sind dann wie ein Knäuel, aus dem hier und da ein Faden schaut. Zum Beispiel der 23. September 1939: Das 218. Polizeirevier in Berlin-Britz bestätigt Karl Richter, dass sein Rundfunkempfänger konfisziert ist. Diesen Zettel hat er aufgehoben, sagt er, als Beweis, dass es ihn, denselben Karl Richter wie jetzt, schon 1939 gegeben hat. Ein Foto beweist, dass es ihn auch schon 1923 gab; damals war er als Buchdrucker-Lehrling auf Wanderschaft. Irgendwo in diesem auseinander driftenden Papierstapel auf dem Tisch im Seniorenheim muss auch seine Geburtsurkunde liegen. „Geboren am 15. Juli 1904“, steht drauf, genau vor 100 Jahren. Heute gibt es ihm zu Ehren im Rathaus Reinickendorf einen Empfang mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, SPD-Chef Franz Müntefering und Verdi-Boss Frank Bsirske.

Was das Leben von Karl Richter so außergewöhnlich macht, sind die 84 Jahre, die er Mitglied der SPD ist. „Eine unvorstellbar lange Zeit“, sagt er lächelnd. Hat er denn nie an einen Austritt gedacht, nicht mal unter den Nazis? Karl Richter versteht die Frage gar nicht. Man hat doch eine Überzeugung! Wie soll man aus der austreten? Als sie ihn nach dem Krieg im sowjetischen Gefangenenlager zu einem „prächtigen SED-Mann“ umpolen wollten, ließ er die Einflüsterer abblitzen. Nein, Karl Richter versteht die Leute nicht, die ihr Parteibuch allein wegen einer Agenda 2010 wegwerfen. „Austreten bringt doch nichts.“

Nur Eintreten gibt Sinn. Am 1. Mai 1920 wird Karl Richter mit 15 Jahren Mitglied in der „Sozialistischen Arbeiterjugend“, singt Kampflieder und diskutiert mit den jungen Genossen über einen Weg aus dem politischen Chaos, das der Weltkrieg hinterlassen hatte. „Eine furchtbare Zeit“, sagt Richter heute, doch diese Aussage bezieht sich nicht auf seine persönliche Lage. Sein Vater war Zimmermann und besaß Land in Schlesien. Man wohnte in der Schönhauser Allee, mitten unter den Proletariern, las den „Vorwärts“ und fühlte sich der Arbeiterklasse nahe, litt aber keineswegs die Not der Masse. Karl Richter ist ein emanzipierter Lehrling. Er wird Mitglied einer Literaturgruppe und besucht Seminare an der Hochschule für Politik.

Auf dem Foto, das ihn auf Wanderschaft zeigt, stemmt Karl Richter die Fäuste in die Hüfte. Wie ein Ritterknappe sieht er aus. Damals zog er mit seinem Freund „Oschi“ von Berlin nach Krakau, Wien und Nürnberg. „Die Druckerlehrlinge galten als die Aristokraten der Landstraße.“ Wenn sie von Zunftkollegen eingeladen wurden, trank Karl Richter auch mal einen Stiefel Bier – sonst habe er enthaltsam gelebt, „keine Zigaretten, kein Alkohol“. Man wollte anders sein als die vielen Arbeiter-Väter, die ihren kargen Lohn freitagabends in der Kneipe verprassten. „Wir trugen Kluft, Sandalen und sehr lange Haare.“

Bald wird Karl Richter neben seiner Arbeit in einer Druckerei Vorsitzender im Buchdruckerverband, Delegierter der Gewerkschaftsinternationale und Mitglied in der Eisernen Front. 1933 wird er auf Betreiben der Nazis entlassen – und gleich wieder eingestellt, weil die Kollegen für ihn kämpfen und die Geschäftsleitung auf den erfahrenen Farben-Tiefdrucker nicht verzichten will.

Die Wehrmacht steckt ihn in ein Baubataillon – für den Dienst an der Waffe erscheint er aus politischen Gründen untauglich. Er schließt sich einer Widerstandsgruppe an, die allerdings nicht aktiv wird. Nach dem Krieg entzweit sich Karl Richter – immer noch SPD-Mitglied - mit den Sowjets und schlägt eine Funktionärslaufbahn im Westteil Berlins ein. Die Zahl seiner Ämter in Partei und Gewerkschaft entwickelt sich inflationär. „Ich war praktisch mein Leben lang Erster Vorsitzender.“ Als Chef der Berliner IG Druck und Papier gelingt ihm ein Coup, auf den er besonders stolz ist: Willy Brandt wird 1955 Mitglied der Journalistenunion der IG Druck und Papier. „Wir hatten darüber gesprochen, wie die Gewerkschaften seine politische Arbeit unterstützen könnten. Da sagte ich: Willy, du bist doch Journalist, komm zu uns.“ Auch das Antwortschreiben von Willy Brandt gehört zu den Beweisstücken seines Lebens.

1969 folgen Ruhestand und Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Karl Richter macht natürlich ehrenamtlich weiter. Sein Lebensmotto hat er von Goethe: „Jeden Tag ein Bild anschauen, ein Gedicht lesen und – das ist das Schwerste – ein paar kluge Worte sagen.“

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