Berlin : Ein Leben voller Sehnsucht

Deike Diening

Ein 76-jähriger Mann in der Ukraine hat noch "keine Lust auf Dominospielen" und schreibt seine Lebensgeschichte. Dabei heraus kommt etwas, das mit Kartoffelpuffer, Apfelmus und Schlittenfahrten in Friedrichshain beginnt, dann aber eine wirre Lebensreise folgen lässt, deren abenteuerliche Wendungen den in Berlin geborenen Sohn eines chinesischen Kommunisten in die Schweiz, nach China und Russland führen.

Unterwegs lernt er aus Mangel Socken stricken, schnell wie die Mädchen, im Krieg Leichen verscharren, politische Gehirnwäschen in China ertragen und in Russland die Folgen der Planwirtschaft an einer Dreherbank spüren, bevor er an die Universität in Charkow gehen kann. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als Deutsch, Französisch, Englisch, Chinesisch und Russisch zu lernen. Aber die ganze Zeit, sagt Han Sen, habe er sich nach Europa zurückgesehnt.

Der Journalist Gerd Ruge hat irgendwann von diesem Leben Wind bekommen - und Sen gedrängt, daraus ein Buch zu machen. "Ich habe einen großen Anlauf genommen. Der hat sechs Jahre gedauert. Dann habe ich angefangen zu schreiben," erzählt Sen. "Am Anfang konnte ich mich an gar nichts erinnern. Das war ganz komisch." Die eigenen Briefe an seinen Vater, der im spanischen Bürgerkrieg kämpfte, konnte er im "Chinesischen Museum der Revolution" einsehen und kopieren. Ohne die neuen Informationstechniken, sagt er, der nie Tagebuch geführt hat, hätte er die ganze Geschichte gar nicht zusammenbekommen.

Obwohl Sen wohl große Teile seines Lebens als Härte empfunden hat, ist der Ton im Buch kühl, fast unbeteiligt. Das lässt die Dinge aber eher noch ungeheuerlicher erscheinen. "Alles was man erlebt, ob gut oder schlecht, ist am Ende eine Bereicherung für einen als Menschen" sagt Sen. "Selbst harte Soldatengeschichten werden im Nachhinein als Heldenepen erzählt." Auch wenn er sicher mehr Deutscher sei als alles andere, sei bei ihm von allen Reisen etwas hängengeblieben. Vergegenständlicht haben sich diese Reisen nicht. Kein Nippes in der Wohnung, kaum Andenken. "Bei anderen zeigt sich die Sehnsucht in Gegenständen, einer Mahlzeit vielleicht. Das ist mir völlig egal."

Seine Sehnsucht ist geistiger Art und gilt einer Mentalität - der europäischen. Aber wie kann er dort in Charkow mit seiner Frau und seinen beiden Kindern normal leben, wenn er seine Heimat ganz woanders empfindet? "Es gibt sogar eine große Entfremdung mitten in der Familie. Mein Sohn, merke ich, der ist Russe. Wir können uns unterhalten, aber ich genieße das nicht. Eugen, sage ich, ich will nächsten Mittwoch die Kupplung wechseln, kannst du mir helfen? - Also man hockt da in dieser Bedienungsgrube, das Ding ist schwer, das geht schlecht alleine. Ich warte und warte, aber er kommt nicht. Hinterher sagt er, da war ein Volleyballspiel. - Er ist halt ein lässiger Russe. Ich begreife den Mechanismus - es hat gar keinen Zweck, sich darüber all die grauen Haare wachsen zu lassen."

Aber hätte er selbst nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der er ein Heimatloser geworden ist, jemand hätte werden können, der überall zu Hause ist? "Nein, der Kosmopolit wollte ich nie sein. Der hat keine Identität," sagt Han Sen. "Oberflächlich konnte ich mich immer gut anpassen: Schnaps und Witze. Das sah gut aus nach außen. Aber ich werde von diesen Freundschaften nicht satt." Und deshalb fährt er im Sommer immer nach Europa, "dort lade ich mit Freunden meinen Geist auf, wie einen Akku." Etwas provisorisch bleibt das trotzdem alles, aber es reiche wieder für ein Jahr in der Ukraine. Seiner Enkelin Tanja hat er versucht, Deutsch beizubringen. Zwölf Jahre ging das ganz gut mit ihr, "aber jetzt hat sie ein Aquarium und einen Hund".

Am liebsten würde er "irgendwo in Deutschland" leben. "Aber zum Wechsel bräuchte man einen gewissen Status. Mir bleibt nur noch, den Ehrenbürger anzupeilen."

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