Berlin : Ein letztes Kuscheln nach Mitternacht

Die finalen Berlinale-Bilder zeigen viele Umarmungen, neue Freundschaften und entspannte Konversation beim nächtlichen Preisträger-Dinner

Elisabeth Binder

Hinten im Borchardt ist ein Tisch für ihn gedeckt, aber Liam Neeson fühlt sich wohl an der Bar. Der Gästebetreuerin, die ihn dezent Richtung „Zanderfilet auf Wurzelgemüseragout“ lotsen will, schenkt der Star mit schwarzglänzend-schwarzmatt gestreifter Krawatte sein markantes Lächeln: „Es ist ganz okay hier.“ Dann bestellt er noch einen Rotwein für sich und ein Bier für seinen Gesprächspartner, und die beiden vertiefen sich wieder in ihre Konversation, während sich die Gäste des Preisträger-Dinners der Berlinale an den beiden vorbeiquetschen. Es ist nach Mitternacht, aus dem Abschlussfilm „Kinsey“ hat Regisseur Bill Condon die Zuschauer vorhin selbst verabschiedet: „Jetzt, wo Sie die Wahrheit über Sex kennen, können Sie ruhig nach Hause gehen.“

Im Borchardt ist eher Kuscheln angesagt. Dieter Kosslick, „the most awesome guy ever“, wie ihn der junge, mit dem silbernen Bären ausgezeichnete und mit seinen leuchtenden Augen selber ganz eindrucksvoll wirkende Lou Taylor Pucci beschrieben hat, hüpft von Tisch zu Tisch: Wieviele innige Umarmungen machen ein Festival wirklich groß?

Die lässige Herzlichkeit, die die Berlinale im Umgang mit ihren Hauptdarstellern pflegt, ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum sie die Stadt mögen. Jenseits des roten Teppichs dürfen sie sich wie ganz normale Menschen fühlen. Von dem künstlichen Hype, mit dem die Stars bei großen Filmpremieren oft abgeschottet werden, ist hier nichts zu spüren. Schon bei der Eröffnungsparty im Adagio konnte man sehen, wie Joseph Fiennes und Bai Ling Erinnerungsfotos machten, während sich Kristin Scott Thomas wie in einem normalen Pub beim Wein mit einer Bekannten unterhielt.

Um zwanzig vor eins bricht im Borchardt plötzlich alles in Applaus aus. Pauline Malefane, die Hauptdarstellerin von „U-Carmen“, hat sich erhoben, um zu gehen, schwenkt den goldenen Bären noch einmal in der Luft herum. Erfahrene Bären-Dinner-Gäste bestaunen die spontane Sympathiebekundung als Novum. Ob menschliche Wärme zur Verstärkung der Strahlkraft eines Festivals an Bedeutung gewinnt? Mitten im Raum sitzen die Jury-Mitglieder und zelebrieren vor aller Augen die unter ihnen neu entstandenen Freundschaften, die Roland Emmerich bei der Verleihung so gepriesen hat.

„Kinsey“-Star Liam Neeson steht zwischendurch allein an der Bar, studiert das Etikett der Rotweinflasche. Das Kompliment „Great movie“ registriert er mit einem erfreuten: „Hat er Ihnen wirklich gefallen? Danke, dass Sie ihn gesehen haben.“ Das sei ein hartes Stück Arbeit gewesen. Im Small Talk sind Stars nicht origineller, aber manchmal einen Tick höflicher als normale Menschen.

Ob sich bei der nächsten Berlinale jemand findet, der einen Kurzfilm darüber macht, wie Stars auf ihre Garderobe warten? Das Problem kriegen sie im Borchardt nämlich nicht in den Griff. Da steht ein Preisträger nun mit dem Bären in der Hand und wartet. Aber niemand wartet mit so viel Grandezza wie Nino Cerruti, der rasch einen Synchron-Flirt startet mit zwei Schönen dieser Nacht, während das endlich herangeeilte Garderobenmädchen ratlos auf einen braunen Cordmantel guckt. Doch, es ist seiner, und er sieht ziemlich awesome aus zum Smoking, also echt ehrfurchtgebietend. Auch Liam Neeson, der eben noch mit dem Team von „The Wayward Cloud“ handgeschriebene Notizen ausgetauscht hat, bricht auf. Jemand ruft ihm einen Abschiedsgruß hinterher: „Have a great time in Paris!“

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