Berlin : Ein Lied für Jesus – auf Englisch

Der Gottesdienst in einer evangelikalen Freikirche in Wilmersdorf

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Früher standen hier Schreibtische. Jetzt kommen jeden Sonntag weit mehr als hundert Christen in die vierte Etage des Bürohauses in der Blissestraße, um ihre Begegnung mit Jesus zu feiern. Sie nennen sich „Berlin International Church“ und gehören zur amerikanischen „Christian and Missionary Alliance“, einer stark wachsenden evangelikalen Bewegung, aus der der Erweckungsprediger Billy Graham hervorgegangen ist.

Der Saal mit rotem Linoleumboden ist an zwei Seiten verglast, die Jalousien sind gekippt, Neonlicht erhellt den Raum. Während die Gottesdienstbesucher hereinkommen und einander begrüßen, fängt die Band an zu spielen. Gitarren, Schlagzeug und Keyboard liefern Poprhythmen, zu denen drei Sänger hingebungsvoll singen „I love you, I need you, I’ll never let you go“. Die Textzeilen werden auf einer Leinwand eingeblendet.

Wenige Minuten später stehen weit über hundert meist junge Leute, darunter viele Schwarze, und wiegen sich zur Musik. Viele breiten die Arme aus, legen den Kopf in den Nacken und schließen lächelnd die Augen. Andere jubeln mit erhobenen Armen, als seien sie auf einem Rockkonzert. Dann will Pfarrer Steve Mack von den Versammelten wissen, „welcher Hunger sie heute hierher getrieben hat“. „Ich bin hungrig nach mehr Liebe“, sagt eine junge Frau. „Ich bin hungrig nach neuer Energie“, sagt eine andere, „oh ja, Jesus, oh ja“. Sie sagt es auf Englisch, sonntagmorgens sprechen alle Englisch, abends gibt es die deutsche Version. „Jesus, mach uns hungrig nach dir“, betet der Pfarrer. Die Bibelstelle für diesen Sonntag handelt von den Jüngern, die erfolglos fischen, als ihnen der auferstandene Jesus begegnet (Johannes 21, 1–14). Danach gehen ihnen 153 Fische ins Netz. Als sie ans Ufer kommen, grillt bereits ein Fisch über dem Feuer.

Die Jünger, denen aus Scham und Enttäuschung nach Jesu Kreuzigung nichts Besseres eingefallen sei, als fischen zu gehen, habe Jesus ein Essen zubereitet, um sie wieder zu sich zu holen, interpretiert der Pfarrer – und schmückt den gegrillten Fisch am Strand so aus, dass man Appetit bekommt. Denn Jesus schenke uns seine Gnade und verzeihe alles, wenn wir ihm nachfolgten. Dass sich das in der Bibel Geschilderte tatsächlich so zugetragen hat, steht für den Pfarrer außer Frage. Die genaue Nennung von 153 Fischen ist für ihn der Beweis, dass es sich um einen Augenzeugenbericht handelt.

Nach dem Gottesdienst gibt es Kaffee und Kuchen. Die Neulinge sind eingeladen, über die Erfahrungen mit Gott zu sprechen. Alle anderen tun das einmal die Woche in „Hauskreisen“, wo die Bibel-Interpretation des Pfarrers vertieft wird und sich jeder fragt, ob er tatsächlich nach den Glaubenssätzen lebt. clk

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