Berlin : Ein Mahnmal mit klarer Botschaft

Der Leiter der Stasi-Gedenkstätte ist für die Mauer am Checkpoint Charlie

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Herr Knabe, Sie haben die Mauerinstallation am Checkpoint Charlie gesehen. Entgegen früherer Aussagen sind Sie auf einmal angetan davon. Warum haben Sie ihre Meinung geändert?

Im Grundsatz habe ich meine Meinung nicht geändert. Meine Ansicht war und ist, dass an einem wichtigen symbolischen Ort der Ausdruck des Gedenkens an das DDRRegime fehlte. Eine klare Botschaft. Dieses Vakuum hat Alexandra Hildebrandt, die Chefin des Checkpoint Charlie-Museums, jetzt ausgefüllt.

Vor einigen Wochen sagten Sie, Frau Hildebrandts Pläne seien nicht ausreichend.

Da war noch die Rede davon, dass Künstler die Mauer bemalen sollten. Das wäre bestenfalls Gedenkfolklore gewesen.

Was ist die aktuelle Installation?

Die Mauer mit den Kreuzen ist sicher eine sehr simple Darstellungsform. Aber die Reaktion der Leute zeigt: es funktioniert. Und das ist das entscheidende Kriterium, das ein Mahnmal erfüllen muss: dass Menschen es verstehen, auch emotional. Die Gedenkstätte Bernauer Straße etwa leistet das nicht.

Das klingt, als sähen Sie in dieser Installation mehr als die Übergangslösung, die sie ist?

So lange wir nichts Besseres haben, kann ich mir das in der Tat vorstellen.

Was wäre besser?

Ein authentischer Ort. Da das nicht mehr möglich ist – die Mauer steht nun mal nicht mehr –, müsste es schon eine geniale andere Idee sein. Denn, wie gesagt, die aktuelle Lösung hat mich überzeugt. Ich könnte mir vorstellen, dass man sie durch ein Dokumentationszentrum ergänzt. Aber das muss nicht einmal sein.

Die zuständigen Politiker sehen das anders. Sie bestehen darauf, dass die Mauerinstallation eine Übergangslösung bleibt.

Die Politik lässt sich treiben und greift nicht gestaltend in die Debatte um das Gedenken an das SED-Regime ein. Das ist okay. Eigenartig finde ich nur, wenn man sich hinterher beschwert, wenn private Initiativen nicht untätig bleiben.

Die Deutungshoheit hat, wer am schnellsten reagiert?

Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Die Politik muss im Blick haben, dass gute Ideen richtig kanalisiert werden.

Trotzdem: Kann man Geschichts-Darstellung privaten Initiativen überlassen?

Man muss mehr anbieten als bloße private Erinnerung. Das Gedenken in der Stadt an den Nationalsozialismus gibt ein gutes Vorbild. Auch für die Topographie des Terrors und das Holocaust-Mahnmal gingen die Initiativen von Bürgern aus.

Was muss passieren, damit Berlin zu einem angemessenen Gedenkkonzept für seine DDR-Vergangenheit findet?

Es gibt ja einen Arbeitskreis beim Kultursenator. Man muss nur sehen, dass man außer Wissenschaftlern alle relevanten Stellen einbindet, also auch Frau Hildebrandt. Sonst wird es nie Ruhe geben.

Das Gespräch führte Marc Neller

Hubertus Knabe (45)

ist wissenschaftlicher Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen im ehemaligen zentralen Untersuchungsgefängnis des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit.

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