Berlin : Ein Mann, ein Loch, ein Weihnachtsbaum

Eine richtig prächtige Tanne für die Gedächtniskirche, der Plan klang gut Der Initiator ließ für viel Geld eine Grube graben – und stieß auf ein Hindernis.

Tiemo Rieck
Foto: dpa

An einem trüben Herbsttag steht Michael Roden vor einem Loch auf dem Breitscheidplatz und sieht so aus, wie einer eben aussieht, der gerade 30 000 Euro in ein Loch verbuddelt hat, mit dem er nichts anfangen kann. Jetzt kommt auch noch ein wollbemützter Mann vorbei, sieht das Loch, sieht Roden, und sagt: „Na, was für’n Skelett haste hier gefunden? Mittelalter, schätz’ ich. Erzähl doch mal.“ Roden, die Hand in der Hosentasche, schwere Armbanduhr, steht der Sinn nicht nach Smalltalk. „Jaja“, murmelt er, schmallippig, die Arme verschränkt. Auf Witzchen hat er jetzt schon gar keine Lust.

Der 50-jährige Chef des Berliner Schaustellerverbandes organisiert den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. Jenen Weihnachtsmarkt, dessen Baum seit Jahren spöttisch kommentiert wird: Mal zu mickrig, mal zu krüppelig. 2003 sägte einer nachts die Spitze ab. Letztes Jahr entschied man sich für einen aufblasbaren weißen Kegel, umrahmt von zwei Plastikbäumen. Dieses Jahr sollte alles anders werden. Der Plan: ein im Boden verankerter Baumständer aus Beton, verstärkt durch Stahl und stark genug, einen 27 Meter hohen Weihnachtsbaum zu halten. „Eine richtige Tanne“ wollte Roden, mit Baugenehmigung vom Bezirksamt und allem drum und dran.

Und jetzt das: Auf dem Grund der Grube verlaufen vier oberschenkeldicke Rohre, von denen Roden nichts wusste. Nun wird es wieder nichts mit der Prachttanne, denn auf Rohre kann man kein Betonfundament gießen und erst recht keinen Baum stellen.

Wer hier eine platte Marketingstrategie vermutet, den Markt am Breitscheidplatz im Gespräch zu halten, liegt falsch. „Dass alles nicht klappt, macht mir auch keinen Spaß“, sagt Roden. „Ich hab’ eigentlich was anderes zu tun.“ Er führt nämlich den Familienbetrieb in vierter Generation, betreibt Losbuden, Automatenspiele und eine 35 Meter lange Rutsche. Seit knapp zwei Jahren ist er Chef der Berliner Schausteller, für deren finanzielle Geschicke er schon länger zuständig war. Ein Mann der Tat, kräftig, breite Schultern. Wer ihn im Kreis seiner Kollegen sieht, könnte meinen, dass die eine mehr als 20 Meter hohe Tanne notfalls per Hand in den Boden rammen.

„Probleme sind dazu da, gelöst zu werden“, sagt Roden. Sein aktuell größtes deutete sich an, als in der Funkleitstelle der Berliner Wasserbetriebe am 26. Oktober das Telefon klingelte. Ein von Roden bezahlter Bauarbeiter teilte mit, man habe beim Buddeln auf dem Breitscheidplatz ein paar Rohre angebohrt, ob die Wasserbetriebe mal schauen könnten. Ein Sprecher des Unternehmens bestätigt: „Tiefbau ist immer ein bisschen eine Wundertüte.“ Wer in Berlin ein Loch buddele und Rohre finde, wisse nicht in jedem Fall, wem die gehören. Geschweige denn, wohin sie führen. Also fuhren ein paar Techniker der Wasserbetriebe an den Breitscheidplatz und stellten fest, dass die kaputten Rohre nicht ihre sind. Als Indiz werteten sie dabei wohl auch, wie der Unternehmenssprecher berichtet, dass es aus den Rohren „ziemlich stark nach Pizza roch“. „In unseren Rohren ist aber meistens Wasser.“ Es scheint, als hätten bis auf Michael Roden eine Menge Leute Spaß an der Geschichte.

Grund für die duftenden Rohre ist eine Pizzeria im unterirdischen Zugang zum Europacenter. Sie leitet ihre Abluft ausgerechnet an der Stelle zu einem Luftschacht, an der Roden sein Loch buddeln ließ. Wieso aber wusste keiner von den Rohren? Man habe ein Areal auf dem Platz ausgewählt, mit dem Bezirksamt gesprochen und nach dessen Freigabe mit dem Bau begonnen, sagt Roden. 1,40 Meter tief hätte das Weihnachtsbaum-Loch werden sollen, das hätte gereicht. Die Abluftrohre der Pizzeria liegen aber nur 1,20 Meter unter der Erde. Und das reicht nicht. Im Charlottenburger Bezirksamt hätte man es wissen können. Es sieht so aus, als sei ein Übertragungsfehler dort der Grund für den überraschenden Fund. Denn die Rohre stammen aus der Bauzeit des Europacenters in den sechziger Jahren. Über deren Existenz wusste man zwar im Hochbauamt Bescheid, im Tiefbauamt aber nicht. Dumm gelaufen. „Allerdings ist es in Berlin üblich, dass man beim Buddeln auf Rohre stößt, von denen man vorher nichts wusste“, sagt Marc Schulte (SPD), Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung in Charlottenburg-Wilmersdorf. „In 98 Prozent aller Fälle ist das unproblematisch, diesmal leider nicht.“ Über die erneute Baumschlappe auf dem Weihnachtsmarkt ist Schulte auch etwas enttäuscht. Mit Roden hat er telefoniert. „Wir arbeiten gemeinsam an einer Lösung des Problems.“

Die Lösung für dieses Jahr ist gefunden: Ein mobiler Baumständer aus Beton, direkt neben dem Loch. Mit den gewünschten 27 Metern Baumhöhe ist es allerdings Essig; 13 Meter sind im Gespräch. Dem bisherigen Besitzer des Baumes dürfte die endgültige Länge am Breitscheidplatz wohl am wenigsten Bauchschmerzen bereiten: Ein Pensionär hat die Tanne dem Schaustellerverband gespendet. Im Gegenzug haben die Mitglieder sich verpflichtet, das Monstrum in seinem Garten auf ihre Kosten zu fällen. „Der Mann freut sich doch, wenn das Ding endlich wegkommt“, sagt Roden.

Zurück auf dem Breitscheidplatz steht der Schausteller-Chef am Bauzaun und diskutiert mit drei Männern, rauchend, gestikulierend. „Berlin ist eben immer für eine Überraschung gut“, sagt er und lacht ein kleines, gehässiges Lachen. Ein zu dicker Clown mit gepunkteter Latzhose und roter Nase stolpert um die Ecke. Er zieht einen Trolley mit bunten Luftballonwürsten hinter sich her. Am Bauzaun angelangt wirft er einen ratlosen Blick in die Grube. Roden sagt: „Das Loch können wir nicht benutzen.“ Und einen Atemzug später: „Dann schütten wir es jetzt eben wieder zu.“

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