Berlin : Ein Mann von Seelenruhe

Rolf Hanusch starb kurz vor seinem 60. Geburtstag. Er war als Gründungsdirektor ein Glücksfall für die Evangelische Akademie

Robert Leicht

Es gibt ein schönes deutsches Wort, das seinen Glanz und seine Wärme längst verloren hat: seelenruhig, also: eher kaltblütig tat er dieses oder jenes. Und doch ist Seelenruhe genau das Wort, das sich nahe legt, wenn man an Rolf Hanusch, den Direktor der Evangelischen Akademie zu Berlin, erinnern will, der am 15. Februar einer jähen Krankheit erlegen ist – wenige Tage vor seinem 60. Geburtstag am 6. März, an dem nun der Gedenkgottesdienst für ihn in der Französischen Friedrichstadtkirche stattfinden wird.

Seelenruhe! Das ist etwas ganz anderes, als nur eben in sich selber zu ruhen und folglich von sich selber auch gar nicht absehen zu können. Rolf Hanusch ruhte in seinem protestantischen Glauben und brauchte sich deshalb nicht ständig aufgeregt um seine Seele zu kümmern; heute sagt man dafür: um sein Ego zu rotieren. Und eben deshalb konnte er immer wieder neugierig auf andere, ganz andere Menschen zugehen – auf Menschen anderen Glaubens, anderen Herkommens, anderer politischer Auffassung.

Für die im Juli 1999 neu verfasste und damals auch auf dem Gendarmenmarkt installierte Evangelische Akademie zu Berlin war Rolf Hanusch als Gründungsdirektor deshalb ein Glücksfall. In Wirklichkeit war er ja auch ein Um-Gründungsdirektor – und das nicht zum ersten, sondern zum zweiten Mal. Denn schon seit 1994 hatte er die Aufgabe, die damals noch aus der deutschen Teilungszeit getrennten Evangelischen Akademien zusammenzuführen, die Westberliner und die brandenburgische. Fünf Jahre später dann die Überleitung in das Gemeinschaftsunternehmen einer Evangelischen Akademie, die – einmalig in der Geschichte dieser Nachkriegsinstitutionen – sowohl von der hiesigen Landeskirche als auch von der gesamten Evangelischen Kirche in Deutschland getragen wird. Und das nicht etwa in der machtfernen Idylle regionaler Landschaften, sondern zugleich in der Mitte der nationalen Hauptstadt. Ein solcher vielstufiger Prozess ist naturgemäß nicht nur mit Hoffnungen, sondern auch mit Ängsten verbunden, zudem mit manchen Enttäuschungen und Bitterkeiten unter denen, die in dem immer neuen Gehäuse keinen Platz mehr finden konnten, praktisch oder mental. Der Seelenruhe von Rolf Hanusch verdanken wir es, dass diese Wandlungen überhaupt bestanden werden konnten.

Der Theologe Rolf Hanusch war auf diese Aufgabe auch dadurch vorbereitet, dass er schon vor dem Mauerfall enge Verbindungen zwischen Ost und West knüpfte, schon als Studentenpfarrer, der er von 1975 bis 1980 an der Gesamthochschule Kassel war – auch das ein Gründungserlebnis. Ist es nicht eine wunderbare Ironie der deutsch-deutschen Geschichte, dass ausgerechnet dieser bayerische Schwabe in der „preußischen“ Stadt Berlin einen Ort der anregenden Ruhe prägen durfte – als süddeutscher Protestant in einer profanen Metropole?

Seelenruhe – das galt am Ende auch für die Würde, in der er seine allerletzten Tage trug. Am Vorabend seiner Beisetzung in der Heimatstadt Nördlingen wurden dort vom „Daniel“, dem Turm der gotischen Georgskirche nach alter Väter Sitte Choräle geblasen – zum Haus der Familie hin, zum Friedhof und über die Mitte der Stadt. Es waren jene Choräle, die Rolf Hanusch sich schon vor geraumer Zeit für diesen Tag ausgewählt hatte. Nun ruht seine Seele, für immer.

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