Berlin : Ein Meisterwerk

Die Idee der Langen Nacht behält ihre Anziehungskraft – ein Spaziergang zu Ausstellungen und Aktionen

Frauke Herweg

Neu ist sie nicht, die Lange Nacht. Aber die Neugier auf die Museen und ihre Aktionen lässt nicht nach. Obwohl es mittags am Himmel sehr düster aussah, blieb es bis Mitternacht trocken – so war es ein Vergnügen, von Ausstellung zu Ausstellung zu pendeln.

Alte Nationalgalerie

Pech gehabt. Obwohl rund 100 Besucher pünklich um 18 Uhr vor dem Eingang des Museums stehen, müssen sie warten. Als die Ersten murren, öffnen sich die Türen, und die Menge drängt die Stufen hoch. Achtlos hetzt sie an Schadows Prinzessinnen vorbei. Ehrgeizige, die besonders viele Stationen absolvieren wollen, zücken bereits ihre Programmhefte. Bei einem derart nervösen Start flieht das Glück in die Abgeschiedenheit. In einem kleinen Raum zwischen Liebermann- und Gründerzeitsaal beobachtet ein aneinander geschmiegtes Paar ganz allein August Gauls „Römische Ziegen“. Nicht lange allerdings. Dann drängen die Nächsten nach.

Altes Museum

Die Meisterwerke der Dresdner Nationalgalerie sind nach der Flut unversehrt am Lustgarten angekommen. Museumsgänger haben Mitleid mit dem Bauern, der von Honthorsts „Zahnarzt“ behandelt wird, und blicken versonnen auf das Jagdglück von Rubens’ Diana. Lust und Leid – die Alten Meister zeigen sie unmittelbar nebeneinander.

Friedrichwerdersche Kirche

Emil Wolfs Skulpturen blicken eineinhalb Stunden nach Beginn der Langen Nacht auf eine fast leere Kirche. Die Führerin eines Rundgangs ruft irritiert eine Kollegin an. „Ist es bei dir auch so leer?“ - „Ja? Bei dir auch?“ Erleichtert legt sie auf.

Berliner Dom

Ein Domführer spricht von den Seligpreisungen der Bergpredigt, die in der Kuppel zu sehen sind, und verliert sich dabei in Superlativen. Die Siegessäule passt komplett in den Berliner Dom, ein Kuppel-Mosaik hat eine halbe Million Glassteinchen, doziert er. Einen älteren Herr kümmert das nicht, er verschläft den Vortrag.

Berlinische Galerie

Nach jahrelangem Nomadentum hat die Berlinische Galerie in einem Glaslager an der Alten Jacobstraße ein neues Domizil gefunden. Zur Langen Nacht lädt sie zusammen mit dem Jüdischen Museum in der noch leeren Halle zum „Warmwohnen“. Obwohl die beiden ein spannendes Crossover aus liebevoll eingerichteten Lounges, Experimentalfilmen und langer Clubnacht wagen, ist die große Halle gegen 21 Uhr nur spärlich besucht. Die Stimmung ist trotzdem gut. Gäste fläzen sich in blauweiß-gestreiften Liegestühlen und schauen, während der Schwarz-Weiß-Streifen „Menschen am Sonntag“ läuft, anderen Leuten beim Faulenzen zu. Galeriedirektor Jörn Merkert geht es sowieso gut. Nach dem Ende der Odyssee und der Ankunft in den neuen Räumen, fühle er sich „leicht schwebend“, bekennt er in einem Interview.

Gemäldegalerie

Im voll besetzten Entree der Galerie weisen venezianische Schönheiten kleine Mädchen in die Kunst des Fächerns ein, Stelzengänger in historischen Kostümen verschenken Rosen an eine ältere Dame. Sie bedankt sich mit einem Knicks, steckt gerührt die Rose ein.

Umspannwerk

Jedes Debüt hat seine Tücken. Zuerst wurde die Fontäne für das Kunstwerk in der Mitte des Saal zu spät geliefert, dann schlug jemand den Alarm ein und die grelltönende Klingel kostete die Umspannwerker eine halbe Stunde den letzten Nerv. Als der Wasserstrahl schließlich doch sieben Meter hoch sprudelte, fühlte sich die künstlerische Leiterin des Abends, Petra Tobies, „richtig glücklich“. Viel Zeit, dieses Gefühl zu genießen, hat die 34-Jährige nicht.

Faktorey am Osthafen

Unglücklich verirrt haben sich zwei Pärchen, die sich Schwitters Brüllchor anhören wollten. Die alte Lagerhalle an der Stralauer Allee, in der sich Berliner Künstler Ateliers und Werkstätten eingerichtet haben, war so schlecht ausgeschildert, dass die vier orientierungslos an Schrott- und Baustoffhändlern vorbeistolpern. Nach zwanzig Minuten geben sie entnervt auf.

Heimatmuseum Neukölln

Manchmal ist das Verlangen nach dem großen Gefühl größer als das Glück selbst – deshalb gibt es hier die lange Nacht der Sehnsucht. Am späten Abend klatschen die Gäste begeistert zu Fado-Gesängen. Im Nachbarraum sind derweil „Romeo und Julia in Neukölln“ zu sehen – alte Hochzeitsfotos aus dem Arbeiterbezirk. Männer mit strengen Scheiteln und Frauen mit ondulierten Löckchen schauen sich auf diesen Bilder vergilbten Glücks tief in Augen. In einer Vitrine liegen Verlobungskarten aus den Zwanzigern. „Da tanzt der Schritt vor Seligkeit“, dichtet ein Gratulant. „Da will das Glück nicht schwinden.“

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