Berlin : Ein Monat erst?

Andreas Conrad

Bonjour, Tristesse – so musste es ja kommen. Eine gewisse Zeit hat uns die treue Sonne noch über das Ende unseres Glücks hinwegtäuschen können, jetzt hat auch sie sich verkrümelt.Einen Monat soll der letzte Ballwechsel erst her sein? Kaum zu glauben angesichts der letzten schmutzigen, sich an Autoantennen im Fahrtwind auflösenden Wimpel in Schwarzrotgold. Noch tauschen die Jungens halbwegs eifrig ihre Fußballbildchen, doch von den Mädels werden sie schon wieder ziemlich mitleidig beäugt. Die Einigkeit der großen gemeinsamen Fußballfamilie, sie ist dahin. Zeit, eine Bilanz zu wagen, das Krankheitsbild dieser Stadt zu diagnostizieren. Wir sehen zwei widersprüchliche Gefühle, Stimmungen, Gemütslagen, die einander auszuschließen scheinen, zwei Extreme, die praktisch von heute auf morgen umschlagen ins Gegenteil. Psychologen haben dafür einen Begriff: Ja, das Berlin dieses Sommers ist eindeutig manisch-depressiv. Gerade noch war es himmelhoch jauchzend, selbst wenn der Ball ins falsche Tor sauste. Nun ist es zu Tode betrübt angesichts der Normalität, die uns alle wieder gepackt hat, spätestens nach dem letzten Urlaubstag.

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