Berlin : Ein Motiv und drei Verdächtige

Der Privatdetektiv sitzt in der Falle: eingesperrt in einer Abstellkammer des Roten Rathauses. Was tun? Nachdenken zum Beispiel, wer nun bereits den 14. Adventskranz geklaut haben könnte

Harald Martenstein

Was bisher geschah: Im Roten Rathaus verschwindet jeden Tag der große Adventskranz aus der Eingangshalle. Ein Privatdetektiv wird von seinem alten Kumpel Rainer, einem Beamten der Senatskanzlei, mit der unauffälligen Aufklärung der mysteriösen Angelegenheit beauftragt. Während er im Rathaus noch über mögliche Täter und Kosten sinniert, geschieht das Unglaubliche: Der 14. Kranz wird gestohlen.

Ich war eingeschlossen. Nein, schlimmer – ich war abgestellt. Ich befand mich schließlich in einer Abstellkammer. Wissen Sie, ich bin nicht immer der harte, körperbetonte Typ gewesen, als der ich jetzt vielleicht rüberkomme. In gewisser Weise habe sogar ich eine geistige Seite. Ich lese Zeitung wie du, Baby. Vor Jahren war ich mal in Indien bei einem Meditationskurs. Diese Inder da unten haben stundenlang heißes Öl über meinen Kopf laufen lassen, hinterher wurden in dem Öl Ginsengwurzeln gebraten, die musste man essen. Ich habe damals gelernt, dass man in jeder Situation das Positive sehen muss. Und was ist wohl das Positive daran, wenn du als privater Fahnder unfreiwillig in einer stockdunklen Abstellkammer sitzt? Genau. Du hast Zeit zum Nachdenken.

Also dachte ich nach.

Die entscheidende Frage bei so einer Sache ist die Frage nach dem Motiv. Die meisten Verbrechen sind irgendwie schon rational. Welchen Beweggrund aber kann es geben, aus dem Rathaus von Berlin Adventskränze zu stehlen? Das Zeug ist definitiv schwer verkäuflich. Saisonware. Geld scheidet als Motiv aus. Ein Scherz? So viel Mühe macht sich kein normaler Scherzbold. Versteckte Kamera? Verunglimpfung des Weihnachtsfestes, Schändung von lebenden Zweigen, das gibt nur Ärger im Sender.

Nach zwei Stunden geistigem Kammerflimmern hat es bei mir final gefunkt. Der oder die Täter konnten nur einen einzigen Antrieb besitzen: Er oder sie wollten Berlin schaden. Das Ansehen herabsetzen, die Stadt dem Spott preisgeben. Die politische Führung blamieren und die Moral untergraben, solche Sachen. Ich meine: Was ist von einer Stadt zu halten, die nicht mal ihre eigenen Adventskränze händeln kann? Ich sah schon die Schlagzeilen: Die Hauptstadt, nun auch weihnachtsunfähig. Berlin, Stadt der kranzenlosen Freiheit. Berlin, rund um die Uhr bedröppelt. Ihr Völker der Welt, klaut in dieser Stadt.

Wenn Sie erst mal das Motiv haben, ergeben sich die Verdächtigen von alleine. So, wie ich es sah, gab es drei Verdächtige. Der Mensch, der Berlin emotional, wirtschaftlich, persönlich, philosophisch, erotisch und politisch am meisten schaden möchte, also der Hauptmotivierte und Hauptverdächtige Nummer eins, ergab sich wirklich fast von alleine. Es war dieser verfluchte Bahnchef. Er wollte mit seiner Truppe partout nach diesem Fischerhafen im Norden ziehen. Aber die Regierung ließ ihn einfach nicht. Wenn Berlin kein sicherer Standort für etwas so Unkompliziertes wie einen Adventskranz ist – wie kann es da ein guter Standort für ein so widersprüchliches, pannenanfälliges Gebilde wie die Deutsche Bahn sein? Vielleicht arbeitete Mehdorn sogar mit seinen Hamburger Buddies zusammen. Tückisch genug sind die Hamburger ja. Ein Lude aus St. Pauli, so einer schleppt den Kranz weg wie nix und ist wegen seiner Solariumsbräune im Dezember nahezu unsichtbar.

Die zweite geistige Spur führte, wie meistens, nach Süden. Als alter Hase rate ich Ihnen: Wann immer es um miese Tricks geht, prüfen Sie routinemäßig zuerst, ob alle Münchner ein wasserdichtes Alibi haben. Zuerst habe ich kurz über den Oberbürgermeister mit dem Mafiaschnurrbart nachgedacht, aber das überzeugendere Motiv besitzt, weil er nachweislich der größere Berlinhasser ist, der Ministerpräsident. Wenn sich herumspricht, dass in Berlin nicht einmal weihnachtliche Zentralsymbole vor Vandalismus und Rowdytum sicher sind, kann er seinen Entschluss, nicht als Minister nach Berlin zu gehen, bei seinen Leuten endlich überzeugend verkaufen. Heute stehlen sie Adventskränze, wird er sagen. Morgen stehlen sie die bayrische Hypo. Oder Bayern München, das ist ja wohl das Einzige von überregionalem Wert, was sie noch haben. In Berlin ist nichts sicher, meine Frau sagt immer, wo nichts sicher ist, dort, Edmund, bist du sicher. Eine Adventskerze brennt oben am Docht, du aber, Edmund, du brennst an beiden Seiten.

War ich auf dem falschen Dampfer? Dachte ich zu provinziell? Oder zu groß? Das ist in Berlin ja immer die Frage.

Plötzlich erkannte ich, dass der Tatort auch ein Symbol für etwas anderes war. Ich meine – das Rote Rathaus liegt doch wohl im ehemaligen Ostteil. Dort, wo heute die Musik spielt, wo das Herz der Stadt schlägt. Rhythm is it! Wer um alles in der Welt könnte etwas dagegen haben, dass seit Jahren im Osten die politischen und pekuniären Entscheidungen fallen, die besseren Klubs liegen, das Nachtleben sich erstreckt, schöne Frauen flanieren, süßer Vogel Jugend, am Kurfürstendamm baust du dein Nest nimmermehr. Ja, einer solchen Person, die Jugendliche in den Westen treiben möchte, würde es gefallen, das Rote Rathaus zu desavouieren, denn wo Adventskränze nicht sicher sind, dort werden sie gegebenenfalls auch den jungen Menschen ihre Bauchnabelpiercings während des Tanzens oder während sonst was stehlen. Hartmut Mehdorn, Edmund Stoiber oder Rolf Eden – einer von den dreien musste der Täter sein. Ich schlug gegen die Tür. „Rainer“, rief ich. „Hol mich raus! Ich weiß jetzt Bescheid!“

Plötzlich hörte ich etwas. Stimmen! Mindestens zwei Leute. An der Tür machte sich jemand zu schaffen. Ich war abgestellt. Jetzt stellten sie mich wieder an. Die Tür öffnete sich. Aha. So falsch hatte ich also gar nicht gelegen.

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