Ein Nachruf : Schriftsetzer und Sozialdemokrat

Jürgen Müller, der Vater des Regierenden Bürgermeisters, starb im Alter von 74 Jahren.

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Jürgen Müller, in seiner Tempelhofer Druckerei.
Jürgen Müller, in seiner Tempelhofer Druckerei.Foto: Thilo Druckerei

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) trauert um seinen Vater. Der 74-jährige Sozialdemokrat Jürgen Müller starb am Sonntag an den Folgen einer Diabetes-Erkrankung. Er war seit längerer Zeit schwer krank. Der gebürtige Berliner führte bis zuletzt eine kleine Buchdruckerei, die er 1962 in Neukölln gegründet hatte. Sein großer Stolz war stets eine blitzblank geputzte, original Heidelberger Tiegeldruckpresse.

Sechs Jahre später zogen Familie und Betrieb ins Tempelhofer Fliegerviertel um. Dort wurde Jürgen Müller, der 1963 in die SPD eintrat, auch politisch aktiv. Bis 1991 leitete er den Ortsverein Alt-Tempelhof, bis 1989 war er Bezirksverordneter, gemeinsam mit dem Parteifreund und späteren Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit. Zwei Mal bemühte sich der linke Sozialdemokrat und überzeugte Pazifist vergeblich um einen Sitz im Berliner Abgeordnetenhaus. Sein Wahlkreis war eine Hochburg der CDU. Noch bis 2001 war Müller senior Landeschef der „Arbeitsgemeinschaft Selbstständige“ in der SPD, er engagierte sich besonders dafür, dass Handwerker und kleine Mittelständler ihre Gewerbemieten noch bezahlen konnten. Auch als er keine Parteifunktionen mehr hatte, stand Jürgen Müller in Wahlkämpfen für die SPD auf der Straße, an den Infoständen. Und wenn er mal nicht Politik machte, und nicht in seiner Druckerei am Setzkasten stand, ging er gern in die Oper.

Die steile Karriere seines Sohnes Michael in der Berliner SPD und im Senat hat der Vater stolz begleitet. An den Parteiveranstaltungen im vergangenen Jahr zur Kür des Spitzenkandidaten, der Wowereit im Roten Rathaus nachfolgen sollte, nahm Jürgen Müller regelmäßig und in erster Reihe teil. Vater und Sohn verband, das war auch öffentlich erkennbar, ein liebevolles und herzliches Verhältnis, obwohl sie in politischen Fragen nicht immer einer Meinung waren.

Seine Freunde schätzten den anständigen, liebenswürdigen und hilfsbereiten Menschen sehr. Ein Sozialdemokrat aus dem Bilderbuch, der mit 14 Jahren eine Lehre als Schriftsetzer begann und sich später an einer Handelsschule in Wilmersdorf kaufmännisch weiterbildete. Als Familienvater, im ehrwürdigen Beruf des Druckers und als SPD-Politiker war er für Michael Müller ein großes Vorbild. Seit Jahren quälte ihn die Krankheit, aber er ließ sich in der Öffentlichkeit nie etwas anmerken. Doch der Regierende Bürgermeister fand immer Zeit, sich trotz drängender Terminlage um den schwer kranken Vater zu kümmern.

Seine Druckerei in Tempelhof hätte Jürgen Müller gern bis zum 80. Geburtstag weitergeführt. Das war ihm nicht vergönnt.

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