Berlin : Ein neues Gesicht ist ein neues Leben

Ulrike Lamlé operiert in der Dritten Welt mittellose Kinder mit Gaumenspalten

Engagement
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Sie hat ihre Chance spät entdeckt, erst mit Mitte 40. Aber jetzt weiß Ulrike Lamlé, dass es nichts Schöneres gibt, als einem Menschen ein neues Gesicht zu schenken. Und damit ein neues Leben. Auch in diesem Jahr wird sie wieder vier Wochen auf Reisen sein, um Menschen in der Dritten Welt, die mit einer Lippen- und Gaumenspalte geboren wurden, zu einem normalen Leben zu verhelfen. Zwei bis drei Tage in der Woche ist die Ärztin auch in Berlin für die Deutsche Cleft Kinderhilfe im Einsatz. Als Teamleiterin für Südamerika hat sie eine Menge Verwaltungsarbeit zu erledigen.

„Ich wollte immer schon in die Dritte Welt, Kinder in den Tropen behandeln“, sagt die 52-jährige Mutter von vier Kindern. Ihr erster Einsatz nach dem Studium führte die Hals-Nasen-Ohren-Ärztin nach Ruanda, wo sie in einem Familienplanungsprojekt tätig war. Das war 1990/91. Dort lernte sie ihren Mann kennen, der beim Auswärtigen Amt arbeitet und dort seinen ersten Auslandseinsatz hatte. In den folgenden Jahren war sie unter anderem in Indonesien und New York, beschäftigt mit der Familie, mit Vertretungen der Botschaftsärzte und einem Job im Antiquitätenhandel.

Partner von Diplomaten haben es schwer, eigene Karrieren zu verfolgen. Ungefähr alle vier Jahre heißt es, weiterziehen an einen neuen Einsatzort, da kann man sich nur schwer eine Karriere aufbauen. Ulrike Lamlé ist aber überzeugt davon, dass soziales Engagement ein vollwertiger Ersatz für die Karriere ist, wenn man nur eine Aufgabe findet, die einem wirklich entspricht. „Viele wollen nur gegen Geld arbeiten, weil sie denken, dass ihre Arbeit nur dann etwas wert ist“, sagt sie. Ihre Erfahrung ist anders. Sie fand ihre Berufung in Peru. Gaumenspalten sind dort ein weit verbreitetes Problem. Das kann an der Höhe liegen, an Unterernährung oder auch genetische Gründe haben. Zunächst lernte Ulrike Lamlé Spanisch, arbeitete in Slums und begann schließlich zu operieren und Ärzte auszubilden. Die Verhältnisse dort sind mit denen in Deutschland nicht zu vergleichen. Hier werden solche Operationen grundsätzlich von Kiefernchirurgen ausgeführt. In anderen Ländern operieren Ärzte verschiedener Fachrichtungen, in Peru sind es oftmals plastische Chirurgen, in den USA auch HNO-Ärzte. In Südamerika gebe es ausgezeichnete Ärzte, die viel Erfahrung haben, hat Ulrike Lamlé beobachtet.

Die Deutsche Cleft Kinderhilfe unterstützt Ärzte mit einer kleinen Aufwandsentschädigung, damit arme Kinder eine Chance haben, geheilt zu werden. Die Operation selber dauert anderthalb bis zwei Stunden. Dann bekommen die Patienten noch Antibiotika mit auf den Heimweg. Die Fäden lösen sich von selber auf. Lamlé selbst hat im letzten Herbst zehn Kinder operiert, kümmert sich außerdem um Organisatorisches.

In Tadschikistan bildet sie zusammen mit dem Kiefernchirurgen Jürgen Petzel und dem HNO-Arzt Martin Kamp tadschikische und afghanische Ärzte für die Operationen aus, die aus ihrer Sicht recht einfach sind, aber eine große Wirkung haben. Das Auswärtige Amt finanziert das Projekt mit Mitteln für den Stabilitätspakt Afghanistan. Rund 15 000 Kinder müssen dort noch operiert werden.

„Menschen mit Gaumenspalten fristen in den Dörfern ja oft ein Leben als Ausgestoßene, Frauen werden als Hexen behandelt“, hat sie beobachtet. Neben der Verwaltungsarbeit für die Hilfsorganisation macht sie in Berlin Praxisvertretungen und hält Vorträge über ihre Arbeit in der Dritten Welt. Sie ist überzeugt: „Das ist das Schönste, was man als Arzt machen kann.“ Elisabeth Binder

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