Berlin : Ein neues Kleid für Hedwig

Kardinal Woelki will die Kathedrale in Mitte im Inneren neu gestalten. Heute startet er einen internationalen Architekturwettbewerb. Ein Rundgang.

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Hoch hinauf. Friedrich II. wollte, dass die Hedwigs-Kathedrale mit ihrer Kuppel ans Pantheon in Rom erinnert.Foto: Thilo Rückeis
Hoch hinauf. Friedrich II. wollte, dass die Hedwigs-Kathedrale mit ihrer Kuppel ans Pantheon in Rom erinnert.Foto: Thilo Rückeis

Aus 14 Metern Höhe sieht man, dass unten etwas fehlt. Dass ein Loch klafft, wo Menschen sitzen könnten. Kardinal Rainer Maria Woelki beugt sich nach unten und sagt: „Wenn ich am Altar die Messe zelebriere, fällt das Dialogische ins Loch.“

Woelki steht auf der Balustrade unter der Kuppel der St. Hedwigs-Kathedrale. An diesem Freitag vor 250 Jahren wurde der auffällige Rundbau mit der kupfergrünen Kuppel geweiht. Friedrich II. wollte, dass er ans Pantheon in Rom erinnert. Am 1. November vor 50 Jahren wurde das Bauwerk neu geweiht – nachdem der Architekt Hans Schwippert das Innere neu gestaltet hatte.

An diesem heutigen 1. November schreibt Kardinal Woelki einen internationalen Architekturwettbewerb aus, um Ideen für eine erneute Umgestaltung des Inneren zu suchen. Auch über eine Verbindung der Kathedrale mit dem Lichtenberg-Haus an der Französischen Straße sollen die Architekten nachdenken.

In den 70er Jahren wurde das Gotteshaus zuletzt saniert. Die Elektrik ist marode, in der Unterkirche sind Wände feucht. Woelki zeigt auf Stellen an der lindgrünen Wand, die mehr dunkelgrau als grün sind. Es muss etwas getan werden. Die Sanierung sei „sehr kostenintensiv“, sagt Architekt Rudolf Lückmann, der den Wettbewerb organisiert. Da sei es sinnvoll, gleich nachzudenken, ob man nicht noch mehr umgestalten will – „anstatt stumpf die Vergangenheit fortzuschreiben“.

Der Entwurf von Hans Schwippert war von Anfang an umstritten. Auch Kardinal Woelki macht keinen Hehl daraus, dass er seine Schwierigkeiten damit hat. Dort, wo in anderen Kirchen Treppenstufen zum Altar hochführen, weist in St. Hedwig eine Treppenanlage nach unten in die Unterkirche. Die Altarinsel ist nur von den Seiten begehbar. Beim Predigen verliere er zudem die Gemeinde aus den Augen, sagt Woelki. Die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils in den 60er Jahren schreibe vor, dass sich die Gemeinde um den Altar versammelt, doch die Treppenanlage teilt die Bankreihen auf der einen Seite von denen auf der anderen. Auch eine Prozession um den Altar herum ist nicht möglich. Ganz abgesehen davon, dass Schwippert kaum Platz für die Chorsänger gelassen hat. Geht der Dirigent einen Schritt zu weit zurück, riskiert er, die Treppe hinunterzustürzen.

Hinter der Altarinsel schließt sich ein Anbau mit eigener Kuppel an. In den 30er Jahren befand sich hier ein kostbar ausgestatteter Andachtsraum mit einer Stele mit Tabernakel in der Mitte. Heute wird der Raum als Sakristei genutzt und ist zugerümpelt. Am Altar in der Unterkirche predigen die Priester räumlich bedingt mit dem Rücken zu den Gläubigen – auch das ist nicht mehr zulässig. „Wir müssen eine zeitgemäße Lösung finden“, sagt Woelki. Ob die Öffnung zur Unterkirche geschlossen werden soll oder nicht, da will er sich nicht festlegen. Es ist ein heikles Thema. Denn Schwipperts Innenausbau steht unter Denkmalschutz, und das Landesdenkmalamt möchte ihn bewahren. Der Landeskonservator kann bei der Auswahl eines neuen Entwurfs mitreden, er ist Mitglied in der Wettbewerbsjury. „Die Auseinandersetzung ist programmiert“, sagt Architekt Lückmann.

Auch Mitglieder der Domgemeinde stehen den Plänen kritisch gegenüber. „Für uns ist die Kathedrale ein Zuhause – so, wie sie ist“, sagt ein älterer Herr. Außerdem fühle man sich übergangen. Die Domgemeinde ist die Eigentümerin der Kathedrale. „Uns wird aber nur mitgeteilt, was geplant ist, wir werden nicht in die Überlegungen einbezogen.“ Woelki sagt, schon unter seinem Vorgänger sei eine Neugestaltung des Innenraums erwogen worden. Der Anstoß sei aus der Domgemeinde gekommen. Er habe die Ideen nur aufgegriffen.

Kostenschätzungen vermeiden der Kardinal und die beratenden Architekten tunlichst, um bloß nicht auf eine Summe festgelegt zu werden. Allen sitzt Limburg und die Debatte um den 31 Millionen Euro teuren neuen Bischofssitz im Nacken. Man müsse sehen, was der Wettbewerb ergibt, sagt Woelki. Ende Juni 2014 soll der Siegerentwurf feststehen. Finanziert werden soll das Ganze über Spenden. Die 260 000 Euro Preisgeld für die ersten drei Wettbewerbssieger entnehme man den Rücklagen, sagt der Dompropst. Damit auch die Armen etwas von der Spendenaktion haben, könne jeder Geldgeber mit der Spende für die Kathedrale zugleich Geld für die Caritas geben. „Wir wollen eine Kathedrale für die Armen und mit den Armen“, sagt die Caritas-Direktorin.

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