Berlin : Ein neues Leben

Holger Beckmann erhielt ein künstliches Herz – dann begann sein eigenes plötzlich wieder zu schlagen

Ingo Bach

Ein schlagendes Herz, das ist Leben. Aber wie lebt es sich ohne Herz, ohne Puls? Lebt es sich überhaupt? Holger Beckmanns Zeit zwischen zwei Leben begann mit einer harmlosen Grippe. Anfang Juni ging der Berufskraftfahrer aus Hohenschönhausen zum Arzt. Er wollte ein Medikament gegen die Atembeschwerden. Doch es war nicht die Grippe, es war das Herz. Er kam ins Deutsche Herzzentrum in Wedding – zwei Tage nach seinem 41. Geburtstag. Der Tag, an dem sein altes Leben endete. Die Ärzte des Herzzentrums redeten Klartext: Schwerer Herzschaden. Sie sagten, dass sein krankes Herz ganz schnell ersetzt werden müsse, aber kein Spenderherz zur Verfügung stehe. Und dass seine letzte Chance das gerade erst entwickelte Kunstherz „Incor I“ sei. Damals dachte er nur: „Macht mit mir, was ihr wollt. Ich hab nichts mehr zu verlieren, also kann ich auch das Versuchskaninchen spielen.“ Fünf Tage später setzten ihm die Ärzte die künstliche Pumpe ein – als erstem Patienten weltweit. Sein unwilliges altes Herz blieb in der Brust, nutzlos, denn Incor pumpte das Blut einfach an ihm vorbei.

Als Beckmann aus der Narkose erwachte, hing diese Tasche an ihm. Dreieinhalb Kilogramm schwer und ab jetzt Teil seines Körpers. Das Sirren der Turbopumpe ersetzte den Herzschlag. Das war kein Arrangement für ein paar Tage oder Monate. „Ich dachte nur: Jetzt bin ich einundvierzig, noch 25 Jahre bis zu Rente – was soll das hier werden?“ Baden ging nicht mehr, Duschen war fast unüberwindbar schwierig. Selbst das Einschlafen musste er wieder lernen. So lebte er im Klinikbett vor sich hin. Duldete die ständigen Untersuchungen, schluckte Medikamente. An manchen Tagen wollte er einfach nur wegrennen, er hatte genug von den Schläuchen, die jede seiner Körperfunktionen an irgendeinen Apparat meldeten. Er magerte ab, denn die Muskeln an Armen und Beinen fühlten sich nicht mehr gebraucht und machten sich dünne. Und dann geschah das, was der Patient Wunder nennt und „mein schönstes Weihnachtsgeschenk“. Sein altes Herz begann plötzlich wieder zu schlagen. In das gleichförmige Rauschen der High-Tech-Pumpe mischte sich das noch schwache Budum, Budum seines Herzens.

Zunächst beobachteten die Ärzte nur. Am 12. Dezember entschieden sie: Incor, das Kunstherz, hat seine Schuldigkeit getan, Incor kann gehen. In einem fünfstündigen Eingriff legten ihm die Chirurgen zwei Bypässe und entfernten das Kunstherz. Beckmanns zweites Leben begann. Zwischen 20 und 25 Prozent aller Patienten mit einer Herzmuskelschwäche wie bei Holger Beckmann passiert so ein Wunder. Warum und bei welchen Kranken, das ist noch immer ein Rätsel.

Beckmann interessiert das nicht. Er freut sich an Kleinigkeiten des Alltags. „Ich kann mich allein anziehen, das ist eine feine Sache.“ Vielleicht, so hofft, er kann er bereits im Januar nach Hause.

Noch zählt Beckmann jeden einzelnen Herzschlag. Sobald es schneller schlägt, kommt die Angst wieder. Er muss das Urvertrauen in sein Herz erst zurückgewinnen.

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