Berlin : Ein Nilschiff hängt am Christbaum

Elisabeth Binder

Der Vatikan hat einen Engel geschickt: ganz weiß, mit fromm zusammengelegten Händen, andächtiger Miene und großen Flügeln. Aus Israel kam eine Menorah, ein siebenarmiger Leuchter, wie er schon im Tempel König Salomons stand. Ägypten sandte Weihnachtskugeln, die Kinder mit Nilschiffen und Pyramiden bemalt haben. Ornamente aus hundert Ländern sind am Lichterbaum der Völker zu sehen, der im Lichthof des Auswärtigen Amts steht.

Zuständig für den ungewöhnlichen Schmuck ist Legationsrat Erik Kurzweil. Er bat die in Berlin vertretenen Botschaften, sich mit einem Gegenstand zu beteiligen. So hängen an dem Baum weihnachtliche oder weihnachtlich inspirierte Objekte aus allen Gegenden der Welt. Ein Kiwi-Vogel aus Neuseeland, eine Chili-Krabbe aus Singapur, ein riesiges Knallbonbon mit Sternen im Schottenrockmuster und goldenen Schleifen, wie es auch bei der britischen Königin unter den Weihnachtsbaum kommt. Die Italiener steuerten eine Krippe bei, mit Ochs, Esel und Schaf, mit einem Engel der Gloria singt und Maria, Josef und den drei Königen in wallenden Gewändern.

Aus Tunesien kam ein weiß-blauer Vogelbauer, der in seiner Form ein bisschen an ein Minarett erinnert, aus Pakistan eine Puppe im Festtagskleid mit winzigen roten Lederschühchen und aus den USA ein gold-blauer Orden mit der Aufschrift „State Department“. Die Schweiz gab ein Knusperhäuschen, das ringsum mit Himbeerbonbons beklebt ist, und China beteiligte sich mit seidenen Kugeln in Lila und Pink. Ein schillerndes Christbaum-Geschmeide mit Fisch, Papagei, Muscheln und einem Fußball schickten die Brasilianer. Aus dem Jemen kam eine durchsichtige Kugel, gefüllt mit Weihrauch, der wie Bernstein aussieht, einer Tannenspitze und ungerösteten Kaffeebohnen.

Eigentlich wollte sich das Auswärtige Amt mit diesem Baum nur ein bisschen abheben von der riesigen Konkurrenz in der Stadt. Herausgekommen ist eine Aktion, die wirklich den Geist von Weihnachten in sich trägt, weil sie so viele verschiedene Länder mit unterschiedlichen Interessen inspirierte, sich auf ein Gemeinschaftprojekt einzulassen.

Es war gar nicht leicht, die Objekte alle am Weihnachtsbaum unterzubringen, denn sie sind unterschiedlich groß: die Schattenspielfiguren aus Indonesien und die bunt bemalten Holzkugeln aus Burkina Faso, die innen so gefüllt sind, dass man sie auch als Musikinstrument benutzen könnte, die Pfeffersäckchen aus Madagaskar und die farbigen Fruchtkörbe aus Vietnam, die Panflöte aus Bolivien und die steinerne Landkarte von Gabun, die fellbespannte Trommel aus Uganda und der Rucksack mit lachender Sonne aus Peru. Dänemark schickte einen goldenen Stern als Baumspitze und Thailand eine Tempelgöttin mit zwei Elefanten. Die ist viel bunter als der Engel vom Vatikan. Aber Flügel hat sie auch.

Und vielleicht ist dieser Weihnachtsbaum ja der Beginn einer neuen Tradition.

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