Ein normaler Tag in der Urania : Die Damen und der König

Kaffeekränzchen, Workshops und Beziehungspflege: Bis zu 20.000 Paare und Singles pro Jahr verbringen ihre freie Zeit im Veranstaltungszentrum "Urania" in Schöneberg.

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Berlins Lebensschule. In die Urania kommen jährlich bis zu 200 000 Besucher. Manche sitzen hier einfach nur zum Plauschen beim Kaffee (rechts unten). Paartherapeut Wolfgang Krüger (Mitte unten) ist Initiator der Tage der Liebe, bei denen auch der bekannte Ehebrater Hans Jellouschek (links unten) über das Scheitern und Gelingen von Liebe referierte.
Berlins Lebensschule. In die Urania kommen jährlich bis zu 200 000 Besucher. Manche sitzen hier einfach nur zum Plauschen beim...Foto: Thilo Rückeis

Die ersten Rentner sitzen schon nachmittags in Geschichtsvorlesungen oder Pflanzenworkshops. Paare und Singles besuchen nach Feierabend Vorträge über die Liebe. Andere kommen einfach zum Kaffeekränzchen, weil sie Gesellschaft suchen: Mehr als 200 000 Besucher pro Jahr verbringen ihre Freizeit in der Urania – in der griechischen Mythologie ist die Urania die Muse der Sternenkunde. Im März feiert das Veranstaltungszentrum in Schöneberg, das sich über seine 2000 Mitglieder finanziert, sein 125-jähriges Bestehen. Wir haben am Mittwoch einen Tag an dem Ort verbracht, wo einst Albert Einstein und Heinrich Böll referiert haben.

14 Uhr, Garderobe: Die Schlange der Menschen, die ihre Mäntel abgeben wollen, verlängert sich. Denn es gibt ein Problem. „Haben Sie vielleicht eine Hertha-Fanmütze gefunden?“, fragt eine Frau im Rentenalter recht aufgelöst. Ihr Mann habe die Kappe vor zwei Tagen in der Cafeteria liegen gelassen und sei jetzt ganz traurig, dass sie weg sei. Die Studentin, die die Garderobenmarken ausgibt, schüttelt den Kopf. „Hier ist nichts abgegeben worden.“ Die Schlange rückt auf.

15 Uhr, Keplersaal: Eine Gruppe Rentner hat sich vor der Tür versammelt. In einer halben Stunde beginnt der erste Vortrag des heutigen Tages. Historikerin Gerhild Komander erzählt gleich etwas über „König Friedrich I. und seinen Sohn und Nachfolger Friedrich Wilhelm I.“ Ein bulliger Herr mit Schnauzbart stürmt 15 Minuten später als Erster in den Raum, wo um 15.30 Uhr das Referat beginnt. „Rechtzeitiges Kommen sichert die besten Plätze“, weiß der Mann. Während des Vortrags ist es stockdunkel und still im Saal, nur ab und zu ist das Rascheln einer Bonbontüte zu hören. „Möchten Sie auch?“, fragt eine freundliche Sitznachbarin.

16 Uhr, Cafeteria: Vier ältere Damen machen sich über ihren gedeckten Apfelkuchen her. „Morjen kommt wieda meene janze Bagasche“, sagt eine Frau um die 60 und führt genussvoll die Kuchengabel zum Mund. Am Nebentisch blickt ein Herr erwartungsvoll in die Runde. Er heißt Hans Teuber und kommt mehrmals in der Woche her. „Ich bin letzte Woche mit einer sehr netten Dame ins Gespräch gekommen und hoffe, dass sie wieder hier ist“, verrät er. „Die Urania ist eine wahre Kontaktbörse. Wir haben schon überlegt, einen Stammtisch einzurichten“, sagt Sprecherin Nina Wüllner.

17 Uhr, Keplersaal: Das Publikum ist deutlich jünger als beim ersten Vortrag. Eine Frau mit mittellangen grauen Haaren und grauem Kleid betritt den Raum. Berit Brockhausen ist Sexualtherapeutin und will heute Paaren verraten, wie sie ihr Intimleben verbessern können. Ihr Workshop wird im Rahmen der Vortragsreihe „Tage der Liebe“ zum Valentinstag angeboten. Rund zwanzig Männer und Frauen sitzen in einem Stuhlkreis. Sie sollen reihum eine Karte ziehen und hinterher erklären, warum sie sich für dieses Motiv entschieden haben. Auf den Karten sind zu sehen: ein guter Liebhaber, eine gute Liebhaberin, ein schlechter Liebhaber oder eine schlechte Liebhaberin. „Warum haben Sie gerade die gute Liebhaberin genommen?“, fragt Berit Brockhausen eine Teilnehmerin. Die antwortet: „Die Frau auf dem Bild mit dem roten Kleid empfinde ich als sehr erotisch. Ich finde es schön, dass sie nicht so frivol schaut. Das würde mich abstoßen.“

17.30 Uhr, Einsteinsaal: Hier sitzen ungefähr ein Dutzend junger Mütter und Väter. Sie wollen sich bei Dozentin Anna Holfeld Tipps für ihre Beziehung holen. „Wenn ein Baby geboren wird, verändert sich der Fokus der Partnerschaft. Beide blicken erst einmal nur aufs Kind“, berichtet Holfeld. Ja, das sei bei ihnen auch so, flüstert ein Mann seinem Sitznachbarn in der hinteren Reihe zu. „Da geht viel Zweisamkeit verloren.“ Eltern müssten lernen, sich Zeit für die Beziehung zu nehmen, erklärt die Dozentin. Die Teilnehmer sollen eine Übung machen: eine Minute lang schweigen und ihre Gedanken fließen lassen. „Gar nicht so einfach, nichts zu tun“, ruft eine Frau nach der Schweigeminute.

19.30 Uhr, Humboldtsaal: Der Höhepunkt des heutigen Tages steht am Abend an: Er heißt Hans Jellouschek und ist Paartherapeut . „Das ist der Papst unter den Therapeuten“, ruft jemand aufgeregt. Wegen der großen Nachfrage ist der Vortrag in einen der größten Räume der Urania verlegt worden – der Humboldtsaal fasst 866 Sitzplätze. Jellouschek erzählt etwas über Scheitern und Gelingen von Liebe – er kennt sich aus, betreut Paare seit 30 Jahren. „Wir werden in der Liebe nie absolute Sicherheit haben, trotzdem müssen wir uns aufeinander einlassen, um glücklich zu sein“, doziert Jellouschek. Ob eine Beziehung glücklich bleiben kann, wenn einer der Partner einen unerfüllten Kinderwunsch hat, will eine junge Frau wissen. „Das ist sehr tragisch“, sagt der Therapeut einfühlsam. Sie solle ihrem Mann einen Tritt in den Hintern geben, wenn sie nach Hause käme. Gegen 21.30 Uhr gehen alle nach Hause. Wieder was gelernt.

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