Berlin : Ein obszöner Trost zum Mitsingen

Jeannette Krauth

Noch vier Tage, dann – schwupps – sind sie weg, die zugegeben angenehmen WM-Seiten, die auch Fußballverweigerer schätzen. Etwa: Die leeren Straßen zu Spielzeiten („Ich geb’ Gas, ich hab Spaß“.) Die Sitzgruppen auf den Bürgersteigen (Na also, Berliner haben auch eine südeuropäische Ader) Die ruhigen Spazierwege (ländliches Wohlgefühl in der City).

Das ist schon schade, wenn das alles nicht mehr da ist. Hoffentlich stürzen wir uns nicht direkt wieder in Pflichten und Alltäglichkeiten, in die große Vernunft. Als Abschreckung (eine gern gewählte Methode zur Vorbeugung) gegen das Wiederauftreten spießiger Eigenschaften hier ein Blick in den Ort Letterland. Dort gibt es junge Mütter, gut verdienende Väter, gepflegte Vorgärten, glänzende Mittelklassewagen, Siedlungsleben. Und auf dem akkurat gepflegtem Rasen Missgunst, Heuchelei, Intrigen. Eben alle Klischees der Bürgerlichkeit. Kennen lernen kann man den Ort im Stück namens „Erwin Kannes – Der Trost der Frauen“.

Wer die Fäden zieht, in Letterland, wie die Verwicklungen funktionieren, das tritt allerdings erst zu Tage, als Erwin Kannes obszöne Briefe an die ach so glücklichen Ehefrauen schreibt. Und, Achtung, Wortwitz: Erwin, der kann es. Der ist professioneller Idyllen-Zerstörer, sozusagen. Gespielt wird die Geschichte von Letterland vom heutigen 6. Juli an in der Neuköllner Oper. Dort lief sie auch im vergangenen Jahr, und war so erfolgreich, dass sie jetzt erneut aufgeführt wird. Noch sind Karten zu haben. Verkauft wird „Der Trost der Frauen“ in der Neuköllner Oper als „Musical“, wovon man sich nicht abschrecken lassen sollte. Beteiligt ist auch der Studiengang für Tontechnik und Musical der UdK Berlin. Und hier noch ein Extra-Trost: Das Stück ist absolut fußballfrei.

Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131, Tel. 68 89 07-0, Karten: 9 bis 15 Euro

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