Berlin : EIN OPFER

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Als alles vorbei war, hat er sogar einmal an Erfurt gedacht – und den Gedanken sofort weit von sich geschoben. Gegen den Amoklauf in Thüringen war das, was Dieter Ambrosius am Donnerstag erlebte, ja harmlos. „Banal“, sagt der 55Jährige, der seit 1977 Lehrer an der Gustav-Heinemann-Oberschule ist. Obwohl – dieser Triumph des Faustrechts, diese Unmöglichkeit, sich auf eine andere Weise mit dem Schläger auseinander zu setzen, hat ihn schon entsetzt. „Ich stand am Fenster des Lehrerzimmers“, erzählt er: „Plötzlich sah ich, dass ein Kollege, der auch mein Freund ist, unten auf dem Schulhof von drei Jugendlichen, die ich natürlich für Schüler hielt, in eine offensichtlich sehr erregte Unterhaltung verwickelt wurde. Doch das Gespräch dauerte nicht lange. Entsetzt beobachtete ich, wie mein Kollege geschlagen wurde und versuchte, sich zu wehren. Ich bin sofort zu ihm geeilt, wollte helfen und bekam gleich einen heftigen Schlag ins Gesicht.“

Ein Zahn ist seither lose. „Geprügelt hat nur einer der drei, dieser Sawis. Aber ,geprügelt’ ist nicht das richtige Wort – er hat getobt wie ein Wilder. Es war völlig unmöglich, mit ihm zu reden.“ Etwa zehn bis fünfzehn Kollegen hätten versucht, den Schläger zu bändigen, sagt Ambrosius. Die Schüler hätten nicht eingreifen können, weil sie gar nicht sahen, was in dieser Menschentraube vor sich ging. Aber hinterher hätten sich viele Mädchen und Jungen bei ihm und den anderen Lehrern bedankt. Hinterher – da saßen die Verletzten im Lehrerzimmer und kühlten ihre Wunden mit Kompressen. Da haben sie darüber geredet, wie man mit solchen Tätern umgehen soll. Und gehofft, dass es die Polizei nicht bei der Feststellung der Personalien belässt und der Typ nicht wieder auf dem Schulhof steht. „Von solchen Menschen darf sich eine Gesellschaft nicht die Regeln diktieren lassen“, sagt Ambrosius. Angst vor dem nächsten Schultag hat er nicht. Nur Sorge um den losen Zahn. Von seinen Schülern hat Dieter Ambrosius gestern zwei Tafeln Schokolade geschenkt bekommen. „Merci“-Riegel. das

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