Berlin : Ein Ort zum Trauern für verwaiste Eltern

Tote Babys werden meist anonym bestattet – bestenfalls. Der Verein Tabea verschafft ihnen ein Grab und hilft den Eltern beim Weiterleben

Tanja Buntrock

Die beiden Fotos von ihren Zwillingen Colin und Paul trägt Kerstin W., 37 Jahre, bei sich in der Handtasche. Auf den Bildern liegen sie an Schläuchen angeschlossen in ihren Frühgeburten-Kästchen. Kerstin W. war im siebten Monat schwanger, als im Mai vergangenen Jahres plötzlich Frühwehen einsetzten. Ihre beiden Söhne wogen nur 715 und 795 Gramm, als sie zur Welt kamen. Die Ärzte konnten nichts für sie tun. Kerstin W. verlor erst Paul, zwei Wochen später Colin.

Babys, die lebend zur Welt kommen, müssen bestattet werden. Das schreibt das Gesetz vor. Doch selbst wenn ihre Kinder tot geboren worden wären, war für Kerstin W. immer klar, dass die beiden ein Grab bekommen sollen. Ein fester Ort auf einem Friedhof war ihr wichtig, damit sie ihre Kinder besuchen und um sie trauern kann.

Hilfe fand sie bei „Tabea e.V.“. Der Verein kümmert sich seit 1992 um verwaiste Eltern. Seit jetzt einem Jahr organisieren die Mitarbeiter auch Bestattungen für fehl- und tot geborene Babys und gestorbene Kleinkinder auf dem Kreuzfriedhof in Lankwitz. Seither sind über den Verein 48 Babys bestattet worden. Zum Angebot gehöre zudem „seelische Betreuung wie Trauerbegleitungsseminare oder Rückbildungsgymnastik für verwaiste Babymütter“, sagt Annette Bornemann, eine der drei Initiatorinnen. Ihr kommt es vor allem auf eine „würdevolle Beerdigung“ an.

Die Berliner Bestattungsordnung sieht vor, dass Föten erst ab einem Gewicht von 1000 Gramm beerdigt werden müssen. Zwar war es schon immer mit einer Sondergenehmigung möglich, dass Fehlgeburten auch unter 500 Gramm beigesetzt werden können, doch wissen das viele Eltern nicht – und überlassen das Weitere oft den Krankenhäusern.

Hier deckte das ARD-Magazin „Report“ 1998 auf, dass zwischen 1981 und 1997 in Berlin viele Totgeburten zusammen mit organischen Klinikmüll zu Granulat verarbeitet wurden. Der Bericht löste eine Welle der Empörung aus. Seither werden gestorbene Föten mit einem Gewicht unter 1000 Gramm in den Krankenhäusern gesammelt und im Krematorium verbrannt. Eine Ausnahme bilden die katholischen Krankenhäuser. Sie boten schon seit langem an, Föten gesammelt auf einem kirchlichen Friedhof zu bestatten.

Dass der Föten-Skandal aufgedeckt wurde, fanden auch die Tabea-Mitarbeiter wichtig. Doch eine Sammel-Bestattung, bei der viele Föten gemeinsam in einem Sarg liegen, „empfinden wir immer noch nicht als genügend würdevoll“. Zudem müssten die Eltern oft monatelang warten, bis wieder eine Beisetzung stattfindet.

Genau dies will Tabea vermeiden. „Uns ist es wichtig, dass die Babys einzeln und würdevoll bestattet werden“, sagt Bornemann. Dies geschehe, wann die Eltern es wollen, frühestens aber drei Tage nach dem Tod. Die toten Kinder werden in Sargkästchen auf der strahlenförmig angelegten Begräbnisanlage bestattet. Die Arbeit von Tabea ist allerdings nicht kostenlos. Rund 1200 Euro müssen die Eltern für die Bestattung aufbringen.

Kerstin W. konnte nach dem Tod ihrer Zwillinge keinen klaren Gedanken fassen. Daher sei sie dankbar gewesen, dass ihr von Tabea alles abgenommen wurde, sagt sie. Vor allem die Organisation der Trauerfeier, mit Blumen, Kerzen, Musik: „Sie haben meine Kinder sogar ganz niedlich angekleidet und aufgebahrt. So habe ich sie heute noch vor Augen.“

Nähere Informationen unter der Telefonnummer 495 57 47 oder unter www.tabea-ev.de

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