Berlin : Ein Pagodenturm in der Hasenheide

6000 Hindus leben in Berlin. Ihrem Gott Ganesha wollen sie einen Tempel weihen. DiePlänekommenvoran

Thomas Loy

Bisher gibt es nur den Arbeitstitel: „Die Tempelbauer von Neukölln“. Auf welchem Sender die Doku-Soap mal laufen wird, ist noch unklar, aber einige Darsteller stehen schon fest: Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky, weil er die Idee hatte, Stadtplanerin Andrea Sölle, weil sie sich um alles kümmert, und die Mitglieder vom Verein „Sri Ganesha Hindu-Tempel“.

Wenn das Fernsehen dabei sein will, muss es sich um ein spannendes Projekt handeln: Ein hinduistischer Tempel mit farbensprühenden Altären und Götterfiguren mitten im atheistischen Berlin. In zwei Jahren könnte er am nordöstlichen Rand der Hasenheide stehen, neben der Neuen Welt. Ein 19 Meter hoher Pagodenturm würde dann in optische Konkurrenz treten zu den Minaretten der neuen Moschee am Columbiadamm.

Das Projekt wurde bei einem Grillabend aus der Taufe gehoben. Bürgermeister Buschkowsky fragte Vilwanathan Krishnamurthy, Vizepräsident des Tempel-Vereins, wo er bei der letzten Sitzung des Integrationsbeirats gewesen sei.

Krishnamurthy: In Hamm.

Buschkowsky: In Hamm?

Krishnamurthy: Dort ist ein großer Hindu-Tempel, zu dem an wichtigen Feiertagen 20000 Gläubige aus ganz Europa anreisen.

Buschkowsky: Warum haben wir in Neukölln keinen Hindu-Tempel?

Seit diesem denkwürdigen Gespräch stehen Krishnamurthy und dem Tempel-Verein alle Amtsstuben der Neuköllner Verwaltung offen. Ein repräsentativer Bauplatz? Kein Problem. Baugenehmigung in einer Grünanlage? Wird geregelt. Buschkowsky erhofft sich natürlich viele neue Gäste in seinem Bezirk und eine Aufwertung der drogengeschädigten Hasenheide.

Rund 6000 Hindus leben in Berlin, verteilt über die gesamte Stadt. Sie kommen aus Indien, Sri Lanka oder Bangladesch und arbeiten als Hochschullehrer, Restaurantbesitzer oder Facharbeiter in der Stadt. 60 von ihnen haben sich im Tempel-Verein zusammengeschlossen. Stadtplanerin Andrea Sölle stieg vor sieben Monaten in das Projekt ein und erlebt seitdem, was passiert, wenn preußisch-protestantischer Rationalismus und indische Mentalität aufeinander treffen. Frau Sölle fertigt Listen und Zeitpläne an, stellt Entscheidungskriterien auf und wägt dann Vor- und Nachteile ab. Ihre hinduistischen Gesprächspartner agieren dagegen eher intuitiv und legen sich nicht gerne fest.

„Wir sind flexibel“, sagt Krishnamurthy, der seit 30 Jahren in Neukölln lebt. „Dass so viele Anträge bei Behörden nötig sind, hätten wir nicht gedacht.“ Bedrucktes Papier hat in Indien nicht die gleiche Verbindlichkeit. Aber deutsche Bürokratie kann auch segensreich wirken. Als sich herausstellte, dass der Bauplatz die Flurbezeichnung 108 trägt, waren die indischen Tempelbauer begeistert. 108 ist eine heilige Zahl im Hinduismus.

Frau Sölle hat gelernt, dass man Inder nicht 14 Tage vorher zu einer Sitzung einladen sollte, sondern drei oder vier Tage. Widerspruch und Kritik werden nicht in offener Runde geäußert, damit niemand sein Gesicht verliert. Ihre professionelle Distanz hat die Stadtplanerin schon aufgegeben, wegen der „Herzlichkeit“, mit der sie in der Gemeinde empfangen wird.

Nepalesen machen im Verein mit, Afghanen, viele Inder und sogar ein paar Deutsche, die gerne nach Südasien reisen. „Der Tempel soll ein Begegnungszentrum werden“, sagt Krishnamurthy. Touristen dürften sich jederzeit umsehen. Geweiht wird der Tempel Ganesha, dem Gott mit dem Elefantenkopf, der in allen Spielarten des Hinduismus Wissen und Bildung symbolisiert.

Die Baukosten – zwei Millionen Euro – sollen durch Spenden finanziert werden. Doch auch beim Thema Finanzen gibt es mentale Hürden. Die deutschen Planer warten lieber mit dem Bauen, bis das Geld da ist. Inder fangen erst mal an und sammeln parallel die Spenden ein. „Wer spendet, will handfeste Beweise haben, dass überhaupt gebaut wird“, sagt Krishnamurthy. Inder glauben eben weniger dem Papier als den Steinen.

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