Berlin : Ein Paradies für Polizisten

Als Praktikant im New York Police Department: Wie ein Berliner die Arbeit seiner Kollegen erlebte

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Seit November haben ihn hunderte gefragt, wie es war in New York, aber was er dann sagen soll, weiß er noch immer nicht.

Zwei Monate lang war der Berliner Polizist Andreas Ulke Praktikant beim Police Departement der Millionenmetropole – die seit einigen Jahren für eine Politik des harten Durchgreifens, von NullToleranz gegenüber Kriminellen steht. Davon hat Ulke aber nicht viel gemerkt. Der Central Park sei zwar sauber, „aber dafür sehen anderswo ganze Straßen aus wie Müllhalden“. Und wenn man ihn mal mit auf Streife gelassen hat, sind die Beamten mit ihren schweren, schwarzen Chevrolet Caprice- oder Ford Crown Victoria-Dienstwagen an manchem Trinker- oder Obdachlosentreff einfach vorbeigerauscht. Devise: cool bleiben, Fingerspitzengefühl beweisen. Wenn sie dann aber mal ausgestiegen sind, um mit den Menschen zu sprechen, hat Andreas Ulke eins ganz deutlich festgestellt: „Die Bevölkerung hat mehr Respekt vor den Polizisten als in Berlin. Vielleicht ist man hier zu tolerant.“ New Yorker Polizisten würden über Falschparkzettel nicht stundenlang debattieren.

Trotzdem empfand Ulke die Stadt als nicht so sicher, wie immer behauptet wird. In der Bronx, wo er wohnte, habe er sich als Weißer bedroht gefühlt.

Die New Yorker Polizei hat sich ihren Respekt in einem Parforce-Ritt durch die vergangenen zehn Jahre hart erarbeitet. Auf Anordnung von Ex-Bürgermeister Rudolph Giuliani wurden Vorschriften rigoros durchgesetzt: Trinken in der Öffentlichkeit wurde verfolgt, Verschmutzung von Straßen ebenso, Schwarzfahrer und Graffitisprayer kamen ins Gefängnis. Ex-Polizeichef William Bratton durfte für die Zero-Tolerance-Offensive aber auch 1500 Beamte neu einstellen. Das hat das Selbstwertgefühl gestärkt. Anders in Berlin: Hier soll die Polizei Stellen abbauen und härter durchgreifen. Das fordern immer mehr Politiker, aus Regierung und aus der Opposition (wir berichteten).

Kaum zu machen, sagt Andreas Ulke. Er war unter anderem in Kreuzberg SO 36 Polizist, wo er einen Großteil der Dienstzeit und einige Überstunden mit Anzeigenaufnahmen und Papierkram verbracht hat. Noch bis Dezember ist er als so genannter Aufstiegsbeamter an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege in Alt-Friedrichsfelde, wo man ihm den Auslandsaufenthalt ermöglichte. Wenn Ulke die Berliner und New Yorker Polizeiarbeit vergleicht, fällt ihm vor allem eins auf: Die New Yorker Kollegen sehen besser aus als hier. Wobei besser härter heißt: Sei tragen lässige Uniform und sind fast alle fit. „Jede Polizeistation hat einen Fitnessraum“, sagt Ulke, er hat sogar eine mit einem Boxring gesehen. In Berlin gebe es nur wenig Fitnessräume – und auch kaum Druck, besser in Form zu sein.

Einen Grund dafür kennt Ulke: New Yorker Polizisten können schon nach 20 Jahren in Pension gehen. Da dächten die heute 20-Jährigen: Jetzt hau ich mal 20 Jahre voll rein und dann mach ich mir ein schönes Leben. Als die US-Kollegen hörten, dass Ulke noch bis zum 60. Lebensjahr weitermachen muss, hätten sie ihn alle tief bedauert.

Ulke findet, der Polizeialltag unterscheide sich zwischen Berlin und New York nicht sehr. Vorschriften durchsetzen, sei richtig. Aber mit Fingerspitzengefühl. Nicht um jeden Preis. ari

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