Berlin : Ein Paradies für Trittbrettfahrer

Am heutigen „Go Skateboard Day“ werben Fahrer in aller Welt für den Sport. In Berlin ist das längst nicht mehr nötig – sagen Experten

Sebastian Leber

Als Tobias Freitag zum neuen Jahrtausend nach Berlin zog, wähnte er sich im Paradies. Im Skater-Paradies. „Hier gibt es Spots, wohin man schaut“, schwärmt der heute 28-Jährige. Spots sind für Skateboarder Orte, die optimale Bedingungen zum Fahren und Springen bieten: also freie Flächen, glatte Böden, aber auch Hindernisse mit Kanten. Tobias bevorzugt den Vorplatz der Neuen Nationalgalerie, andere Fahrer trainieren vor dem Roten Rathaus oder am Frankfurter Tor.

Heute, zum weltweiten „Go Skateboard Day“, werden Tausende Berliner auf ihren Brettern unterwegs sein. Der 1. Berliner Skateboard-Verein, bei dem Tobias inzwischen im Vorstand sitzt, schätzt die Zahl der Skateboard-Besitzer in der Stadt auf über 70 000. Weil die Szene so aktiv sei, beherrschten schon Zwölfjährige Kunststücke, bei denen „mir die Augen aus dem Kopf fallen“, sagt Tobias. Und einige wenige schaffen es irgendwann sogar, ihr Geld mit Skaten zu verdienen.

Wie Jürgen Horrwarth. Der 28-jährige Kreuzberger ist amtierender Europameister, tourt zwölf Wochen im Jahr von Turnier zu Turnier. Erst vor zehn Tagen hat er wieder einen Sieg in England geholt, nächsten Monat will er in Korea antreten. Trotzdem fühlt er sich auf Berlins Straßen am wohlsten – weil die hiesige Skaterszene zwar lebendig, aber „nicht so fürchterlich überzüchtet“ sei. In anderen Städten jagten die Jugendlichen den neuesten Trends hinterher, in Berlin herrsche eine „angenehme Lässigkeit“ vor.

Weniger lässig reagieren Passanten und Anwohner, wenn sie sich von vorbeirasenden Fahrern bedroht oder vom Lärm der klackernden Rollen gestört fühlen. Das weiß auch der Berliner Senat – und hat in den zurückliegenden 15 Jahren fast 60 öffentliche Skate-Anlagen an geeigneten Plätzen geschaffen. Bei der Gestaltung neuer Anlagen wird inzwischen der Skateboard-Verein um Rat gefragt.

Das war nicht immer so: „Einigen älteren Plätzen merkt man noch deutlich an, dass da ahnungslose Planer am Werk waren“, meint Tobias. Ein besonders misslungenes Beispiel sei der Park in der Leipziger Straße in Mitte – da ende eine Sprungrampe geradewegs vor einer mannshohen Betonmauer.

Leider nützen auch die besten Anlagen nichts, wenn das Wetter nicht mitspielt. Regen und Wind verderben den Fahrspaß, Schnee und Streumaterial machen das Skaten gar unmöglich. „Unser Sport kommt ursprünglich aus Kalifornien, da kennt man solche Probleme nicht“, weiß Tobias. In Berlin ziehen sich die Skateboarder bei schlechtem Wetter in Unterführungen und U-Bahn-Zugänge zurück, was regelmäßig zu Katz-und- Maus-Spielen mit den Sicherheitsdiensten führt. Um das zu vermeiden, haben Tobias Freitag und andere Vereinsmitglieder eine überdachte Halle in Friedrichshain gebaut. Skate-Profi Jürgen Horrwarth war Mitte März bei der Eröffnung dabei. Die Jugendlichen kannten ihn natürlich aus Magazinen und Videos, um Autogramme wurde er aber nicht gebeten. So etwas gilt unter Skatern als ziemlich „unlässig“.

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