Ein Pionier im Portrait : "Johannes, bring den Elektro-Swing nach Berlin"

Johannes Heretsch mischt Musik der 20er mit elektronischen Beats. Er brachte den Elektro-Swing von London nach Berlin - und wirkt gar nicht wie ein DJ.

Simon Grothe
Tanzt mal schön. Wenn Johannes Heretsch seine Elektro-Swing-Beats auflegt, nennt er sich Louie Prima. So findet ihn auch das Publikum.
Tanzt mal schön. Wenn Johannes Heretsch seine Elektro-Swing-Beats auflegt, nennt er sich Louie Prima. So findet ihn auch das...Foto: Peter Groth/Promo

Yogi-Tee trinkt er, fährt Fahrrad mit Helm, den Mittagstisch im nepalesischen Restaurant „Himali“ im Crellekiez bestellt er natürlich vegetarisch. Johannes Heretsch grinst und fährt sich durch den zotteligen Vollbart. Der 49-Jährige weiß, dass er nicht unbedingt dem Klischee eines Star-DJs entspricht. Aber seine Musik passt ja auch in keine Schublade.

Elektro Swing, das ist die Mischung aus nostalgischer Tanzmusik aus den 20er Jahren und elektronischen Beats. Johannes Heretsch hat sie nach Berlin geholt, seine Veranstaltungsreihe „Electro Swing Revolution“ findet am heutigen Freitag im Frannz Club in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg statt.

Die ersten Mixtapes bestanden aus einzelnen Tonbandspulen, die er zu DDR- Zeiten im Anglerrucksack in die Clubs trug. Das war Anfang der 80er Jahre, erzählt Heretsch und nimmt einen Löffel von seinem Gemüse in Currysoße. Die ersten Male spielte er auf Festen der Kirchgemeinde. „Hitparade, also: Abba, Rolling Stones, Deep Purple und so."

Sein Vater war katholischer Religionslehrer in der Nähe von Bautzen. Das Haus, in dem er damals als Junge lebte, befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum mit Kupfer gedeckten Kirchturm, der die terrestrischen Wellen anzog und somit zum Neid aller übrigen Bewohner des Ortes Westradio-Empfang ermöglichte. „Ich habe dann Titel der Hitparaden vom Sender Freies Berlin, RIAS und dem bayrischen Rundfunk auf Tonband aufgenommen und dann auf Partys gespielt“, sagt er.

Heretsch ist staatlich geprüfter Schallplattenunterhalter

Mit 20 zog Heretsch nach Berlin und wurde zum ersten Mal in Clubs als DJ engagiert. „Peter Gabriel, Police, James Brown, es hat höllischen Spaß gemacht, die Menschen zum Tanzen zu bringen“, sagt er. „Ich wurde dann nach und nach von Club zu Club empfohlen.“ Franz Club, Dunker, Waabe, Mosaik, Club Atelier 89, das waren damals die angesagtesten Läden Ostberlins.

„Wir DJs mussten mehrere Wochenendkurse absolvieren, in denen es um die Quote ging“, sagt er. 60 Prozent Musik der DDR und der sozialistischen Bruderstaaten und 40 Prozent internationale Musik sollte er spielen, das war die Vorgabe. „Natürlich haben wir uns damals nicht daran gehalten“, sagt Heretsch schmunzelnd.

Die gute Musik hätte es halt nur aus dem Westen gegeben. Freunde und Verwandte, die in den Westen durften, brachten ihm Platten mit, in Budapest entdeckte er private Läden, die, in kleinen Kellern versteckt, West-Platten verkauften. „Man durfte pro Jahr aber nur 300 Ostmark in Forint umtauschen“, erinnert er sich. Das musste reichen für Hinfahrt, Unterkunft – und Platten.

„Mit der Wende zog dann ein kalter Wind durch die Ostberliner Clubs“, sagt Johannes Heretsch. Arrogante Wessis hätten mit ihrer D- Mark geprotzt. „Das fand ich sehr störend und dachte, wenn, dann will ich tief in den Westen ziehen.“ Er kaufte von seinem Ersparten einen rostigen Opel Rekord und fuhr damit nach Köln. Nachts legte er auf, tagsüber arbeitete er als Bauklempner auf den Kölner Dächern. Wenn er genug Geld verdient hatte, verreiste er. Und entdeckte den Elektro Swing.

Auf einer Barke in London kommt der Auftrag: "Bring den Elektro-Swing nach Berlin"

In Albanien und Rumänien stieß er auf die Musik der Roma und Sinti, die Grundlage der heutigen Balkan Beats. „Diese beswingte Musik fand ich witzig und hab sie dann in meine Sets in Deutschland eingebaut“, sagt er. Als erster ausländischer DJ organisierte er 1993 in Albanien Partys und spendete dort an der Kunstuniversität Tirana sein Equipment samt Musik.

Doch erst 2010 brachte ihn die Begegnung mit Chris Tofu zum Electro Swing. Der britische DJ unterlegte Jazz-Standards mit typischem Schellackplattenknistern mit bekanntem Club-Gewummer – und plötzlich begannen die Leute bei seiner Veranstaltung Electro-Swing-Club in London zu Louis Armstrong und Duke Ellington zu tanzen.

„Johannes, bring den Electro Swing nach Berlin“, soll er gesagt haben, und zwei Jahre später gründete Johannes Heretsch mit Wolfram von Dobschütz, der sich DJ Justin Fidèle nennt, die Partyreihe Electro Swing Revolution, die in zwei Wochen ihr Jubiläum im Astra feiert. Vor den Partys gibt es einen Tanzkurs.

Das Tollste an den Partys sei, sagt Johannes Heretsch, das Publikum vom DJ-Pult aus zu beobachten. „Die Augen leuchten, das Publikum ist nicht zugedröhnt, nie gibt es Ärger oder Schlägereien“, sagt er. Auch deswegen will Johannes Heretsch noch eine Weile weitermachen. Die Tonbandspulen von damals hat er übrigens noch. Sie verstauben im Regal. Daneben die Platten aus Albanien. Wer weiß, ob er die noch mal braucht.

Electro Swing Revolution im Frannz Club, Kulturbrauerei, Prenzlauer Berg. Freitag ab 20 Uhr Tanzkurs, Club ab 23 Uhr, Eintritt: 6 Euro.

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