Berlin : Ein Platz nur noch für Radler und Fußgänger?

Nach langem Hin und Her will Verkehrssenator Strieder auch keine Busse und Taxis mehr durchs Brandenburger Tor lassen / Pro & Contra

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Von Stephan Wiehler

Tor auf, Tor zu, dann nur ein bisschen auf oder zur Abwechslung vielleicht mal drunter durch, dann einmal ganz auf und wieder zu. Und jetzt endlich wieder offen, aber für wen? Nach dem jahrelangen Hin und Her um den Verkehr durchs Brandenburger Tor weiß selbst Verkehrssenator Peter Strieder nicht mehr so genau, was er will. Noch im August hatte der rot-rote Senat beschlossen, dass die Durchfahrt künftig nur noch Bussen, Taxis und Fahrrädern erlaubt sein wird. Doch kaum war das Nationalsymbol am Einheitstag nach zweijähriger Renovierung feierlich enthüllt, kamen Strieder Bedenken, den in neuer Schönheit erstrahlenden Sandsteinbau erneut für den motorisierten Verkehr freizugeben. Wenn es die Mehrheit wünsche, solle das Tor den Fußgängern vorbehalten bleiben, erklärte Strieder dem Tagesspiegel und heizte damit erneut die Debatte um die Passierrechte an.

Abstimmung mit den Füßen, das hatten wir schon mal, doch diesmal geht es um zwei Paar Schuhe – die auf dem Gehsteig und die am Gaspedal. Anlieger, Touristen und andere Flaneure befürworten die Vollsperrung, Autofahrer und selbst der Berliner Fahrgastverband fordern freie Fahrt für freie Bürger, zumindest im öffentlichen Nahverkehr.

Dem jahrelangen Ringen um die Frage, wer wie durchs Tor darf, liegt freilich mehr zugrunde als das Für und Wider um schlüssige Verkehrskonzepte für Berlins historische Mitte oder das ungestörte Lustwandeln am Pariser Platz. Schließlich geht es um das Symbol nationaler Eintracht, dessen wechselvolle Geschichte selbst keine eindeutige Antwort auf die Durchgangsfrage gibt. Spätestens seit der Maueröffnung gilt den Deutschen die freie Passage durch das Säulenportal als ein Akt der individuellen Erfahrung wiedererlangter nationaler Souveränität. Und sind etwa ausgerechnet wir Deutschen nur ein Volk von Fußgängern?

Ein strenges Reglement für den Durchgangsverkehr gibt es für das Brandenburger Tor allerdings schon, so lange es steht. Die ursprünglich hierarchische Verkehrsordnung ist schon an der Architektur des 1791 nach Entwürfen von Carl Gotthard Langhans fertig gestellten Tores abzulesen. Danach war die mittlere und zugleich breiteste der fünf Durchfahrten den Hofequipagen der königlichen Familie vorbehalten. Für das niedere Volk waren nur die vier Seitenportale freigegeben. Natürlich gab es immer wieder Leute, die sich nicht daran hielten. Im Oktober 1806 marschierten die Truppen Napoleons französisch egalitär hindurch, wo es ihnen gerade passte, und auch die Aufständischen der Märzrevolution von 1848 scherten sich nicht um die königliche Verkehrsordnung.

Mit dem Ende der Monarchie und der fortschreitenden Motorisierung erfuhr das Tor eine erste, allerdings kurze Phase der Demokratisierung. 1933 marschierte man wieder im Gleichschritt hindurch. Mit dem Mauerbau von 1961 wurde das Brandenburger Tor – abgesehen von den bewaffneten Fußgängern in Uniform – verkehrsmäßig zur hermetisch abgeriegelten Zone. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 erkämpfte sich das Volk das freie Durchgangsrecht zurück, legte die Entscheidungsgewalt über den weiteren Verkehr aber dann bald wieder in die Hände seiner demokratisch gewählten Vertreter.

Die tun sich seitdem schwer, eine langfristig verbindliche Regelung festzulegen. Im Sommer 1992 beschließt die Große Koalition von SPD und CDU die beschränkte Öffnung des Tores für Busse und Taxis. Dem Bund reicht das nicht. Die Umzügler aus Bonn möchten das künftige Parlamentsviertel vom Durchgangsverkehr freihalten. Im Mai 1993 einigen sich Bund und Land darauf zu prüfen, ob das Tor für den gesamten Autoverkehr freigegeben oder das Wahrzeichen untertunnelt werden soll.

Im März 1998 gibt Verkehrssenator Jürgen Klemann (CDU) freie Fahrt für alle – die Bauarbeiten in der Dorotheenstraße für die neuen Bundesgebäude machen es möglich, und sie dauern länger als erwartet. Auch danach bleibt das Tor offen. Im Oktober 2000 ergreift Bundestagspräsident Wolfgang Thierse das Wort und fordert, die Verkehrssituation am Pariser Platz zu überdenken und den Autoverkehr einzuschränken.

Das Tor wird für die Rundumerneuerung mit Bauplanen verhüllt, die Arbeiten beginnen im Oktober 2000. Seit Anfang Mai 2002 ist es für den motorisierten Verkehr gesperrt. Am 22. Oktober 2002 soll der Senat über die dauerhafte und komplette Schließung des Tores beraten, bis dahin will der Verkehrssenator die Beschlussvorlage fertigstellen. Diesmal könnte es dabei bleiben, wenn – wie Strieder verspricht – es Volkes Wille ist.

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