Berlin : Ein Pragmatiker als Wissenschaftssenator - eine Bilanz

Hartmut Wewetzer

Es wäre wohl übertrieben, wenn man Wissenschaft und Forschung als Herzensangelegenheiten Peter Radunskis bezeichnen würde. Der scheidende Wissenschaftssenator hat nie verhehlt, dass ihm sein anderes Amt als Kultursenator gefühlsmäßig näher lag als das vermeintlich spröde Hochschul- und Forschungsressort. Aber Radunski war erfahren genug, um die Bedeutung von Wissenschaft und Forschung für die Stadt richtig einzuschätzen - 50 000 Menschen arbeiten in Berlin in diesem Bereich, hat er selbst einmal gesagt. Und er war so professionell, mit der Materie vertraute Staatssekretäre aus der Wissenschaft mit den Details zu betrauen - zunächst den Pädagogikprofessor Erich Thies, dann den Physiker Ingolf Hertel.

Radunski war ein umstrittener Senator, in der Wissenschaft wohl noch mehr als in der Kultur. Dass das so war, lag aber keineswegs nur an ihm selbst. Als er 1996 das Amt von seinem Vorgänger Manfred Erhardt übernahm, waren die großen gestalterischen Aufgaben der Wendezeit bewältigt - die Evaluierung der DDR-Wissenschaft und die Neugliederung von Wissenschaft und Forschung im Ostteil der Stadt. Bei dieser schwierigen Aufgabe konnte Erhardt aus dem Vollen schöpfen. Wo sein Vorgänger noch Visionen haben konnte, musste dagegen der Pragmatiker Radunski sparen. Und wer keine Wohltaten zu verteilen hat, macht sich selten beliebt.

Das Schlimmste verhütet

Als Senator für die mageren Jahre hat Radunski versucht, trotz drastischer Spareinschnitte an den Hochschulen und Universitäten das Schlimmste zu verhüten. Und bei aller Kritik an seiner Politik erkennen auch seine Kontrahenten im Wissenschaftsbetrieb mittlerweile ohne Groll an, dass Radunski dies mit den Hochschulverträgen glückte. Hier bewies er sein Talent zum Schmieden von Bündnissen, und hier konnte er sich auch gegenüber seinen Kollegen im Senat, allen voran der Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing, immerhin behaupten. Zuletzt im Sommer, als die 85 000 Berliner Studienplätze durch erhöhte Zuschüsse für die Hochschulverträge der Jahre 2001 und 2002 gesichert wurden.

Mit Hilfe der zäh ausgehandelten Verträge bekamen die Hochschulen bis zum Jahr 2002 Planungssicherheit anstelle immer neuer bedrohlicher, mitunter willkürlicher Etatkürzungen. Gleichzeitig akzeptierten sie jedoch bestimmte Sparvorgaben. "Wenn das Budget um 35 bis 40 Prozent kleiner wird, muss man praktisch eine neue Universität zusammenbauen", sagt Hans-Jürgen Ewers, Präsident der Technischen Universität. "Aber ohne die Verträge wären wir noch mehr gerupft worden."

Reformen durch Erprobungsklausel

Gemeinsam mit einer Erprobungsklausel ermöglichten die Verträge den Hochschulen größere Gestaltungsfreiheit und die Chance, selbst zu experimentieren. "Unter Radunskis Schutz wurden uns Reformen ermöglicht", sagt Hans Meyer, Präsident der Humboldt-Universität. Immerhin: Bei dem Versuch, die universitären "Bildungstanker" wendiger werden zu lassen, ist ein Anfang gemacht. Auch für den weiteren Ausbau des Wissenschaftsstandortes Adlershof hat Radunski sich eingesetzt; der Umzug der naturwissenschaftlichen Institute der Humboldt-Universität in die Berliner Peripherie wird Berlin immerhin schätzungsweise 550 Millionen Mark kosten.

Angestoßen hat Radunski die hitzige Diskussion um die Studiengebühren, obwohl diese in Berlin gesetzlich verboten sind und stattdessen in seiner Amtszeit eine "Verwaltungsgebühr" von 100 Mark pro Semester eingeführt wurde - trotz heftiger Proteste und studentischer Eierwürfe. Auch seinen Nachfolger wird jedoch die Frage beschäftigen, ob die Hochschulen von ihren Studenten Geld nehmen dürfen, wenn der Staat ihnen nicht mehr ausreichend Mittel für die Ausbildung zur Verfügung stellt. "Berlin sollte bei der Einführung von sozial verträglichen Studiengebühren vorneweg gehen", fordert der TU-Präsident Ewers.

Zu den aussichtsreichen Kandidaten für das Amt des Wissenschaftssenators zählt die CDU-Hochschulexpertin Monika Grütters, die sich als Pressesprecherin von Senator Erhardt einen Namen machte und als sehr beschlagen gilt. Auch Erich Thies, mittlerweile Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, gehört zu denjenigen, die genannt werden.

Für den TU-Präsidenten Ewers ist klar, dass das Ressort in der Senatsarbeit eine große Rolle spielen muss, denn "Wissenschaft, Forschung und Entwicklung sind langfristig das wichtigste Standbein für Berlin". Ewers spricht sich dafür aus, dass das Wissenschaftsressort wieder selbständig wird und damit im Senat wieder größeres Gewicht bekommt. Aber die Wünsche der Berliner Wissenschaftler sind in den letzten Jahren nicht allzu oft in Erfüllung gegangen.

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