Berlin : Ein Pro und Kontra zum Thema Kultur und Wirtschaft

Rüdiger Schaper,Uwe Schlicht

Kultur muss unabhängig sein

Der erste Fehler lässt sich nicht mehr korrigieren: Ein eigenständiges Ressort Kultur wird es im neuen Senat nicht geben. Es wäre die ideale Lösung, doch die Arithmetik erlaubt dies nicht. Umso wichtiger ist es, den zweiten Fehler zu vermeiden, der darin bestünde, die Kultur als Junior-Partner einem völlig sachfremden Ressort zuzuschlagen: der Wirtschaft.

Unbestritten ist Kultur in Berlin zwar auch ein Wirtschaftsfaktor. Nach diversen Erhebungen hängen am Kulturbereich hier rund 30 000 Arbeitsplätze. Der Kulturtourismus spielt für Berlin eine bedeutende Rolle. Er bringt - wiederum nur ein Schätzwert - einige hundert Millionen Mark in die Stadt. Aber es ist ein gewaltiger Trugschluss, dass die Kultur genuin in den Bereich der Wirtschaft und Wirtschaftsförderung gehöre.

Die Theater, Opern, Orchester und Museen sind gehalten, mit den Steuermitteln verantwortungsvoll umzugehen. Sie tun es bereits - weitgehend. Ein Umdenkungsprozess hat eingesetzt. Unternehmensgutachter haben Einzug gehalten. Nur: Das kulturelle Leben und das kulturelle Angebot der Hauptstadt können sich erst entfalten und ausstrahlen (und so zu einem beträchtlichen Wirtschaftsfaktor werden), wenn Kunstverstand, Kreativität und Phantasie walten. Wenn Kultur nicht bloß verwaltet wird: wie es in den letzten vier Jahren Praxis war.

Marketing und Event-Management gehören zum Handwerk - sie sind aber nicht die Sache selbst. Kultur, besser: Kunst (und um sie geht es) lässt sich überhaupt nicht nach rein materialistischen Kriterien betrachten. Wer Kunst und Kultur einem Wirtschaftspolitiker unterstellen will, muss sich den umgekehrten Fall ausmalen: Ein erfolgreicher Theaterintendant wie Frank Castorf oder Claus Peymann würde an die Spitze eines Wirtschaftsunternehmens platziert. Der Konkurs wäre eine Frage von Tagen - oder?

Kultur ist für Berlin kostbarste Tradition und zugleich das Zukunftspotenzial. Die Bundesregierung hat dies erkannt und einen Staatsminister für Kultur berufen. Die Berliner Koalitionäre handeln die Kultur wieder mal auf unterstem Niveau ab, als Verschiebemasse. Sie übersehen, wieder mal, die internationale Dimension. Allein eine unabhängige, angesehene Persönlichkeit kann Berlins Kultur repräsentieren und weiterentwickeln, Künstlern und Kulturmanagern von Rang auf Augenhöhe begegnen. Nach Lage der Dinge bietet sich nur die Kombination mit dem Ressort Wissenschaft an. Dort gibt es ähnliche Konflikte.

PRO: Ein gemeinsames Ressort ist eine Zukunftslösung

Der Blick in die anderen Länder ist häufig ein Blick in die Vergangenheit. Denn seit den fünfziger Jahren denkt man in traditionellen Kombinationen wie Wissenschaft und Schule oder Wissenschaft und Kultur. Seit dem Zusammenbruch der Industrie in den neuen Ländern und dem wirtschaftlichen Rückgang Berlins als Folge der Spaltung sind ganz andere Perspektiven gefragt: Welchen Beitrag kann die Wissenschaft zur Entwicklung der Region leisten, welche Impulse gehen von Forschung und Entwicklung auf die Wirtschaft aus, wo können Hochschulen jungen Forschern zu Existenzgründungen verhelfen? Wenn die Debatte über den Standort Deutschland einen Sinn haben soll und nicht propagandistisches Getöse war, dann hilft nur noch ein Blick nach vorn.

Als sich zum Ende des 19. Jahrhunderts die klassischen Universitäten gegen die Gleichberechtigung der Technischen Hochschulen wehrten, war das schon damals ein Anachronismus - und es bedurfte der Intervention des Kaisers zugunsten der Technik. Heute kann mehr davon träumen, wenn in deutschen Ländern die Kabinette kleiner werden, dass es in Berlin noch ein eigenständiges Ressort nur für die Wissenschaft, nur für die Kultur oder nur für die Schule geben könnte. Kombinationen sind notwendig, und da sollte man mutige Lösungen ins Auge fassen.

Berlin als Hauptstadt ist in Aufbruchstimmung. Berlin will zugleich Zukunftsstadt in einer Welt des Wissens werden. Und die Stadt verdankte seit der deutschen Spaltung vor allem den beiden Säulen Wissenschaft und Kultur so etwas wie eine Zukunftsperspektive. Wer heute Wissenschaft und Kultur mit der Wirtschaft verbinden will, schwächt nicht diese beiden Säulen, sondern stärkt sie. Denn in der Wirtschaft gibt es noch Mittel, die zugunsten der Wissenschaft bewegt werden könnten, und von einer solchen Entlastung würde auch der Kulturhaushalt profitieren. Und wie sich mit einer Kultur, die internationale Ausstrahlung besitzt, Geld in eine Stadt holen lässt, zeigen Städte wie München, Wien oder New York.

In der Wissenschaft sollen Technologieparks in Adlershof, Buch und Golm die Zukunftsschmieden werden - mit Forschungsinstituten und Wirtschaftsunternehmen in enger Nachbarschaft. Wenn Humboldts Universitätsidee weiter gelten soll, dann nur noch in Verbindung mit Service. Noch sind die Zentren einer Zukunftsorientierung Bayern mit der Region München und Baden-Württemberg mit der Region Stuttgart. Berlin hat Nachholbedarf.

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