Berlin : Ein Prosit auf die Laubenpieper

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Von Sabine Beikler

Die Beete sind ausgezupft, die Wege sauber gefegt, bunte Wimpel säumen die Gartenzäune, Grillwürste brutzeln vor sich und in die trockenen Kehlen fließen kühle Blonde. Der DJ spielt „O Baby Ballaballa“ und „Super Trouper“ von Abba. Immer wieder wandern die Blicke verstohlen in eine Richtung. Ja, wo bleibt er denn? Und endlich bewegt sich Freitagnachmittag ein Tross entlang des Dahlienwegs. „Der Kanzler kommt“ raunt es durch die Kleingartenkolonie „Abendruh“ in Steglitz. Gerhard Schröder ist da: Bundeskanzler, SPD-Parteichef und Berlins oberster Kleingärtner.

Unzählige Hände werden geschüttelt, mal hier und da ein kurzes „Hallo, ich freue mich, dass ich hier bin“. Die Sicherheitsbeamten bilden eine Gasse, durch die der Kanzler hurtig zur ersten Tat schreitet: das Baumpflanzen. Gerhard Schröder streift sich sein Jackett ab, greift zum Spaten und hebt den Boden aus. Rings um den Kanzler drängen sich die Laubenpieper, alle wollen sehen, ob er ein „grünes Händchen“ hat. „Gut gemacht“ hat er das nach Expertenmeinung, die vier Meter hohe gemeine Eberesche in die Erde einzugraben.

Durch die nächste Gasse geht es zur Bühne. An seiner Seite ist der SPD-Abgeordnete Klaus Uwe Benneter. „Benni“, wie er vom Kanzler genannt wird, hat in Steglitz seinen Wahlkreis und Gerhard Schröder eingeladen. „Nein, diese Veranstaltung hier hat mit Wahlkampf nichts zu tun“, frotzelt Benneter und macht Stimmung für die Erhaltung des Benjamin Franklin Klinikums und die Biotech-Institute in seiner Umgebung. Das sehe der Kanzler sicher auch so. Der Kanzler aber schaut ein wenig betreten auf den Boden.

Gerhard Schröder besucht zum zweiten Mal eine Berliner Kleingartenkolonie. Vor zwei Jahren war er in der Weddinger Schrebergarten-Kolonie „Togo“. Dort erhielt der Bundeskanzler die Wilhelm-Naulin-Plakette für seine besonderen Verdienste um die Kleingartenkultur. Die Plakette ist benannt nach dem ersten Nachkriegsvorsitzenden der Berliner Gartenfreunde. „Das hat mich sehr gefreut“, sagt er hier, in der Kolonie „Abendruh“. Er habe sich „ein bisschen mit der Geschichte der Kleingärten“ beschäftigt und spricht von den ersten Arbeiterkolonien, die das Rote Kreuz aufgebaut hatte.

Auch wenn er sich, das betont er, nicht in die Berliner Politik „einmischen darf. Und das ist auch gut so“: Einen Rat möchte er schon geben. „Ich habe Zweifel daran, den Harz oder die Alpen nach Berlin zu bringen.“ Schröder spricht von der geplanten Kunstschnee-Halle, die in Neukölln entstehen soll und für die 400 Kleingärten weichen sollen. Das bringt dem obersten Kleingärtner Stimmen und Applaus ein.

Auf zur nächsten Tat: Gerhard Schröder sitzt, vor sich ein Bier, unterschreibt Autogrammkarten und schaut den Darbietungen der Kinder-Tanzgruppe zu. Neben ihm Bernhard Ziemen, 81 Jahre alt, seit 1938 Pächter in „Abendruh“, mit 487 Parzellen die größte Kleingartenanlage in Steglitz und seit einem Jahr sogar mit dem Prädikat „Dauerkleingartenanlage“ versehen.

Unter den Steglitzer Laubenpiepern hat Gerhard Schröder nur Freunde. Hier fühlt er sich wohl. Um Politik geht es nicht. Schnell noch die dritte Tat: ein Besuch von Bernhard Ziemens Ökogarten, zwei selbstgemachte Schnäpse, Brombeer und Liebstöckel, probiert. Noch eine Bratwurst mit Kartoffelsalat. Und dann geht es schon zur Verleihung des Deutschen Filmpreises.

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