Berlin : Ein Regisseur, der nicht regieren will

Wenn Andreas Schmidt inszeniert, warten Schauspieler lange auf Anweisungen Bei der Komödie „Männerhort“ durften sie sogar am Text mitschreiben

Sebastian Leber

Seine Karriere verdankt Andreas Schmidt der hübschen Anita. Die ging mit ihm, damals in den Siebzigern, auf die Hermsdorfer Georg-Herwegh-Oberschule, und zu Hause pinselte sie sich Gedichte von Samuel Beckett an die Wand. „Ich war schwer beeindruckt“, erinnert sich Schmidt. Außerdem nahm Anita an den Nachmittagen privaten Schauspielunterricht. Das wollte er dann plötzlich auch.

Von seinem Jugendschwarm hat Andreas Schmidt seit langem nichts mehr gehört, aber was das Mädchen in ihm ausgelöst hat, hält noch immer an: Seit über 20 Jahren ist er Schauspieler – und Regisseur: Gestern wurde am Theater am Kurfürstendamm die Premiere des von ihm inszenierten Stückes „Männerhort“ gefeiert.

42 Jahre ist Schmidt alt, aber wie er da mit jugendlichem Grinsen und Seitenscheitel auf dem Sofa der „Männerhort“-Kulisse hockt, könnte er glatt als Nachwuchshoffnung durchgehen. Und wer das erste Mal mit ihm zusammenarbeitet, wird vielleicht sogar bezweifeln, dass Schmidt überhaupt schon mal Regie geführt hat. „Manche fragen sich: Weiß der Mann überhaupt, wo er hinwill?“

Schmidt macht eben zu Beginn einer neuen Produktion niemals Vorgaben, sondern liest das Stück mit den Schauspielern erst durch und tauscht Ideen aus. „Wenn der Regisseur gleich mit einem fertigen Konzept ankommt, können die Proben nur ein Verlust werden.“ Weil die Schauspieler nie exakt so spielten, wie sich der Regisseur das zu Hause vorgestellt habe. „Deshalb will ich das gemeinsam erarbeiten und dabei auch selbst von den Darstellern lernen.“

Bei „Männerhort“ war das nicht anders. Da haben er und seine vier Schauspieler, darunter so viel beschäftigte Komiker wie Bastian Pastewka und Christoph Maria Herbst, zu Beginn „erstmal gründlich über das Stück diskutiert und gemeinsam umgeschrieben“. Sogar bei den Kostümen und Kulissen durften die Schauspieler Vorschläge machen. Anfangs sei so viel Mitspracherecht den wenigsten geheuer, sagt Schmidt, auch Pastewka und Herbst hätten sich an diese Regie erst gewöhnen müssen. Das Ergebnis könne sich aber sehen lassen: So handle „Männerhort“ nicht bloß von vier Männern, die sich in den Keller eines Shoppingcenters zurückziehen und über ihre Frauen lästern. „Wir haben die Figuren geschärft und die tragischen Aspekte betont. Das hätte ich alleine nie geschafft.“

Seine Methode wünscht sich Schmidt auch von anderen Regisseuren. Zum Glück gebe es inzwischen einige, die ähnlich denken wie er. In deren Filmen spielt Schmidt besonders gerne mit. Zum Beispiel in Eoin Moores Drama „Pigs will fly“, was ihm 2003 eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis in der Kategorie „Bester Hauptdarsteller“ einbrachte. Oder in Andreas Dresens neuem Berlin-Film „Sommer vorm Balkon“, der Anfang Januar in die Kinos kommt. „Eine Liebeserklärung an das alte Prenzlauer Berg“ sei das, Schmidt hat eine der drei Hauptrollen. Dresen und er hätten noch etwas anderes gemeinsam: „Wir versuchen als Regisseure alles, um unseren Darstellern die Angst vorm Spielen zu nehmen.“ Angst vor der Kamera und auf der Bühne sei das Allerschlimmste für einen Schauspieler, deshalb lauten Schmidts wichtigste Ratschläge: Lass dir mehr Zeit! Nimm dir mehr Raum! Versuch es erstmal eine Stufe einfacher!

Die gleichen Tipps, die er heute Profis wie Bastian Pastewka gibt, habe er zu Hermdorfer Schulzeiten schon seinen Mitschülern beim Schauspielunterricht gegeben. Sehr zum Missfallen seiner Lehrerin, die habe ihn bei jedem Kommentar böse angeguckt: „Du bist gleich selbst dran, Andreas. Und jetzt halt’ bitte den Mund.“

Das Stück „Männerhort“ wird bis Ende Februar im Theater am Kurfürstendamm, Kurfürstendamm 206, gespielt. Karten gibt es unter Tel. 88 59 11 88. Der Film „Sommer vorm Balkon“ startet am 5. Januar.

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