Berlin : Ein schlechter Witz

29-jähriger Reserveoffizier muss wegen einer Milzbrand-Drohung eine Geldstrafe von 300 Euro zahlen

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Es sollte ein Witz sein. Einer, der bei alten Kameraden gut ankommt. Bei einem Treffen von Reserveoffizieren der Feldnachrichtentruppe der Bundeswehr schnappte sich Kurt von H. einen Prospekt, kritzelte einen Totenkopf darauf und notierte: „Dieser Prospekt enthält pures Anthrax! Alles Liebe, Euer Osama." Die Milzbrand-Drohung ließ er auf einem Tisch liegen. Das war im Oktober, fünf Wochen nach den verheerenden Terroranschlägen in den USA. Was der junge Freiherr für „Satire“ hielt, brachte ihn gestern wegen Störung des öffentlichen Friedens vor das Amtsgericht Tiergarten.

„Ich habe mich wohl für gnadenlos komisch gehalten“, sagte der 29-jährige Akademiker. „Eine Dummheit." Er hatte an einem Stehtisch mit ein paar alten Kameraden Bier getrunken. Nach einer Podiumsdiskussion über die Erweiterung der EU war man bei dem ganztägigen Treffen im Atrium der Deutschen Bank zum gemütlichen Teil übergegangen. Nun sprachen die Freunde auch über die Anschläge vom 11. September. „Da habe ich das eben hingeschrieben, aber es war für den privaten Kreis“, sagte der Freiherr. Ihn habe möglicherweise seine Leidenschaft für „harte Satire inspiriert". Leider sei der zweite Geistesblitz, das Papier anschließend wegzuwerfen, ausgeblieben.

Es waren sensible Zeiten damals. Auch der Reserveoffizier hatte die Berichte über Anthrax gelesen. Er wusste von den Milzbrand-Toten in den USA. Ihm war nicht entgangen, dass auch in Berlin Briefe mit weißem Pulver Aufregung verursachten und die Sicherheitsbehörden in Atem hielten. „Auf einen Prospekt kann man aber kein Pulver schütten“, verteidigte sich der Reserveoffizier. Er habe eben „in dem Moment nicht richtig nachgedacht". Und auch seine Kameraden dachten beim Verlassen des Tisches nicht daran, das Papier mit der Milzbrand-Drohung zu beseitigen.

Als Kurt von H. am Abend hörte, dass die Polizei alarmiert worden war, stellte er sich sofort. Er dachte, dass die Sache damit erledigt sei. Eine Woche später aber stürmten sechs Polizisten in die Wohnung. Der Reserveoffizier musste mit aufs Revier. „Schrecklich“, sagt der Freiherr. Entsetzt habe auch seine Familie reagiert. Kurt von H., dessen Vater im Bundestag sitzt, habe einen „innerfamiliären Vulkanausbruch“ erdulden müssen, sagte sein Verteidiger. Die Kritzeleien seien eine „gnadenlose Dummheit“, entstanden aus einer „völlig idiotischen Laune heraus“, ausgeheckt in einer Art „Klassentreffen-Atmosphäre".

Das Gericht ließ Milde walten. Kurt von H. sei kein Trittbrettfahrer, der ein sadistisches Vergnügen verspüre, Angst und Schrecken zu schüren, hieß es im Urteil. Aber: Der Angeklagte habe in Kauf genommen, dass das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung gestört wird. Wegen Störung des öffentlichen Friedens verhängte der Richter eine Geldstrafe von 300 Euro. Kerstin Gehrke

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