Berlin : Ein Schrein für Hannes

Besuch der Unglücksstelle nach dem tödlichen Unfall in Dahlem – der Roller liegt noch da

Tanja Buntrock

Blumensträuße liegen rings um den völlig zerknautschten schwarzen Motorroller, dessen Blechreste mit rot-weißem Band an einem Baum an der Fabeck- Ecke Altensteinstraße befestigt sind. Daneben ein zerbeulter, gelber Smart. Ein Auto hält. Eine junge Frau springt weinend heraus. Es ist die Freundin von Hannes. Gemeinsam mit ihrer Mutter besucht sie noch einmal die Unglücksstelle. Sie schreit und krümmt sich vor Tränen. Die Mutter nimmt sie in den Arm. „Ich habe meine Tochter gerade aus dem Krankenhaus abgeholt. Sie wollte entlassen werden. Und sie wollte unbedingt hierher“, erzählt die Mutter. Einen Moment lang ringt die 22-Jährige um Fassung: „Wir waren abends bowlen, sind dann zu mir. Und dann sind wir nochmal los, er wollte unbedingt mit dem Roller fahren“, schildert die Freundin, die bei dem Umfall selbst verletzt worden war.

Freunde haben eine Art Schrein errichtet. Ein paar Teelichter flackern im Sonnenlicht. Ein junger Mann blickt nachdenklich von einem Schwarzweiß-Foto, das an einem Mast neben dem Roller befestigt ist. Darüber ein Kreuz: Auf der waagerechten Holzleiste steht „Hannes“, auf der senkrechten ein Datum: 18. 4. 03. Am Baum daneben ist auch der Tagesspiegel-Artikel über den Unfall befestigt.

Viele Radfahrer und Fußgänger bleiben vor der Unglücksstelle stehen, lesen, was hier geschehen ist: Gegen 22.35 Uhr hatte ein 60-jähriger „Smart“-Fahrer beim Linksabbiegen von der Altenstein- in die Fabeckstraße den Rollerfahrer übersehen. Für den 24-jährigen Hannes kam jede Hilfe zu spät, er starb blutend auf der Straßenkreuzung. Seine Freundin lag ein paar Meter weiter auf der Straße. Sie kam mit Schürfwunden und einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus. Erste Hilfe leistete Klaus-Peter Westpfahl-Wiesener, der zufällig am Unfallort war. Der Mediziner machte einem Wachschutzpolizisten, der ebenfalls zufällig an der Unglücksstelle war, Vorwürfe wegen unterlassener Hilfeleistung. Der Arzt erstattete Anzeige gegen den Polizisten.

Die Radfahrer und Fußgänger, die an der Straßenkreuzung stehen bleiben, lesen Kopf schüttelnd den Zeitungsartikel. „Traurig, furchtbar, man findet keine Worte“, sagt eine Frau. Dann bricht Hannes’ Freundin erneut in Tränen aus. Ihre Mutter sagt: „Er hatte auch einen Autoführerschein. Beide haben überhaupt nichts getrunken. Es hätte jedem von uns passieren können.“ Die Freundin legt eine weiße Rose auf die zerknautschten Blechteile. Minutenlang starrt sie auf ein weiteres Foto ihres Freundes, das in einem Glasrahmen auf dem Boden steht. Wie sie damit fertig wird? „Ich weiß es nicht“, sagt die Mutter. „Für einen jungen Menschen ist das schwieriger als für ältere, die schon öfter mit dem Tod konfrontiert waren.“ Dann nimmt sie ihre Tochter wieder in den Arm.

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