Berlin : Ein Sockel wäre schon da

Braucht Berlin ein neues Nationaldenkmal? Die Diskussion darüber wird wieder geführt

Lothar Heinke

Erst neun, dann vier und dann drei Stufen, bis man ganz oben ist. Gegenüber, auf der Ostseite, sprühen die Funken beim Angriff der Schneidbrenner aufs stählerne Gebälk im Palast der Republik. Nebenan steht die Fassade der Bauakademie, links die kapitalistische Kaderschmiede im einstigen Staatsratshaus. Und unten gurgelt lustlos die Spree in ihrem Kanal um die Mauern der Schleusenbrücke. Wir stehen auf jenem Plateau, das einst von einem heroisch-monarchischen Ungetüm aus Marmor und Bronze besetzt war und das auf seine Wiederverwendung wartet – als Sockel für ein Bauwerk gleichen Namens, aber sicher ganz anderer Art: das Deutsche Nationaldenkmal.

115 Schritte lang ist die Fläche, auf der die metallene Huldigung stand, bis sie, vom Krieg lädiert, 1950 abgeräumt und eingeschmolzen wurde, die Motive waren wohl ähnlich wie beim Schloss: Keine Erinnerung an eine monarchistische Vergangenheit. Die hatte im Jahre 1897 begonnen, als das Nationaldenkmal für den verstorbenen Kaiser Wilhelm I. eingeweiht wurde. Der Betrachter kam sich ziemlich klein vor unter dem Marmorsockel und dem Kaiser auf dem hohen Ross. Wilhelm II. war sehr wählerisch und nach dem im Januar 1889 ausgelobten Wettbewerb nicht wenig enttäuscht: „Der einzige Entwurf, welcher der gestellten Aufgabe am nächsten kommt, ist der von Reinhold Begas.“ Der durfte den Kaiser dann auch aufs hohe Pferd setzen, acht Jahre später, am 22. März 1897, wurde das monumentale Werk feierlich enthüllt, das Ereignis kam sogar auf eine Briefmarke der Deutschen Reichspost von 1900.

Heute wuchert zwischen den Treppenstufen das Unkraut, an einer selbstgebastelten Laube an der linken Ecke, die vom letzten wilden Weihnachtsmarkt übriggeblieben zu sein scheint, wird für einen „Abstieg ins Gewölbe“ geworben: Die Rundbögen aus roten Klinkersteinen in den Katakomben unter dem Denkmalplatz sind eindrucksvoll ausgeleuchtet. Ab und an kann man dieses Stützgewölbe auch besichtigen. Wer aber jene gewaltigen Löwen sucht, mit denen der Herr Begas an allen vier Ecken sein Denkmal bewachen ließ, muss in den Tierpark gehen: Als einzige Mitglieder der Monumentalfamilie waren sie nach Friedrichsfelde gelangt und so dem Feuerofen entkommen.

Mag sein, dass dieses Plateau, auf dem sich jetzt die Skater austoben, wo auf ihrer Startrampe „Heroin statt Schule!“ gesprüht steht, mag sein, dass das Ganze noch einmal, zukunftsträchtig, ganz großgeschrieben wird. Immer wieder kommt die Forderung nach einem neuen, modernen, zeitgemäßen „Nationalen Freiheits- und Einheitsdenkmal“ aufs Tapet. Die Idee ist neun Jahre alt. Im Mai 1998 hatte sich eine „Initiative Denkmal Deutsche Einheit“ an die Öffentlichkeit gewandt: Der Schloßplatz stehe für die wechselvolle Geschichte der Deutschen, dies sei der rechte Ort, und mit dem Denkmal könne „ein neues, kollektives Erinnern“ in Gang gesetzt werden. Initiatoren: Lothar de Maizière, die Bürgerrechtler Günter Nooke und Richard Schröder.

Die Sache kam schon bis in den Bundestag: Am 9. November 2001 lehnte dort allerdings eine Mehrheit den Gruppenantrag von 177 Abgeordneten ab. Die Gegner hielten die Zeit für ein solches Denkmal noch nicht für gekommen. Unter den Befürwortern befand sich auch Angela Merkel. Das Pro-Denkmal-Argument: Vom Berliner Schloss aus sei Deutschland unter Bismarck zum ersten Mal von oben geeint worden. Dafür habe das pompöse Reiterdenkmal für Kaiser Wilhelm I. gestanden. Der gewaltige Sockel harre nun angesichts der Ereignisse vom Herbst 1989 und der Einheit von 1990 einer neuen Bestimmung.

Wie steht es jetzt um das Projekt? Wie soll es aussehen? Figürlich? Verfremdet? Symbolisch? Wo ist die Idee? Gibt es wenigstens schon einen Architektenwettbewerb, wenn das Denk- oder Mahnmal zum 20. Jahrestag des Mauerfalls im Jahre 2009 eingeweiht oder wenigstens begründet werden soll?

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat keine Ahnung und verweist auf die Kulturverwaltung. Die sagt überhaupt nichts. So fragen wir einen der Initiatoren, den DDR-Bürgerrechtler Günter Nooke, Beauftrager der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik. Er möchte „eine breite Öffentlichkeit“ für das Denkmal herstellen, dem dienen drei Hearings: Das erste, am 9. November 2006, befürwortete die Idee, das nächste diskutiert im März den Inhalt und das dritte (um den 17. Juni 2007) die Ausführung.

„Unser Ehrgeiz ist es, einen Wettbewerb auszuschreiben“, sagt Günter Nooke – da das Gelände dem Land Berlin gehört, kann sich die Sache in die Länge ziehen, und auch dann beginnt erst die Diskussion. Die Deutsche Gesellschaft e.V. will dafür sorgen, dass es einen erneuten (und diesmal befürwortenden) Bundestagsbeschluss gibt,

Günter Nooke möchte „kein so abstraktes Denkmal, mehr emotional“, vielleicht hat er die missglückte Gedenkstätte Berliner Mauer oder das kaum erkennbare Bodenfoto zur Ehrung der 17.-Juni-Demonstranten an der Leipziger Straße im Sinn. „Es soll ein zentraler Ort werden, an dem man sich gern trifft“ – also am Ende ein aufwühlender Ort der Information zum Weg zur Einheit, vielleicht im einstigen „Tränenpalast“, oder doch ein Gebilde mit Sockel zum Hingehen, Nachdenken, Erinnern und Kränzeniederlegen.

Träge fließt die Spree…

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