Ein soziales Geschäft : "Guten Tag, die Dame"

In den Sommerferien sind besonders viele Mitgliederwerber aktiv – zugunsten einer besseren Welt. Ein Jobber erzählt.

Christoph Henrichs
Ansprechen oder nicht? Das ist hier die Frage. Werber haben’s im Gefühl.
Ansprechen oder nicht? Das ist hier die Frage. Werber haben’s im Gefühl.Foto: dapd

Die Frau mit schnellem Schritt und gesenktem Blick? Keine Chance. Der Typ mit der schrillen Frisur? Könnte ein offener Gesprächspartner sein.

Philipp Reus hat in seinem Job als „Dialoger“ Menschenkenntnis gewonnen – wie sich das Gespräch entwickelt, kann er aber trotzdem „vorher nicht genau einschätzen“. Der 21-Jährige aus Friedrichshain wirbt an Infoständen in der Innenstadt Mitglieder für wohltätige Organisationen an. Der Student arbeitet für die Fundraisingagentur „DialogDirect“. Deren Auftraggeber sind zwölf gemeinnützige Organisationen – darunter Amnesty International, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), das Deutsche Rote Kreuz (DRK) und der World Wide Fund For Nature (WWF).

„Im Sommer sind immer mehr Teams im Einsatz“, sagt Kai Barnick von DialogDirect. In den kommenden fünf Wochen gehen bundesweit rund 30 Kleingruppen Spenden sammeln, davon etwa fünf überwiegend für die Menschenrechtsorganisation Amnesty International in Berlin. In den Schul- und Semesterferien bewerben sich auch stets mehr Interessenten, für die es derzeit erste Schulungen und Einsätze gibt. Schüler und Studenten bekommen 50 Euro am Tag. Dazu kommt eine Prämie, die davon abhängt, was der neu gewonnene Spender bereit ist zu zahlen.

„Guten Tag, die Dame!“ Philipp lächelt die Passantin an, stellt sich vor und bittet höflich um Gehör. Scheu haben dürfe man nicht, sagt er später. Und man müsse reden können und wollen. „Manchmal dauert ein Gespräch auch eine halbe Stunde.“ Überrumpeln oder drängen darf er die Leute nicht. Laut Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) gilt Dialog-Direct in der Branche als anerkannt, zudem gebe es etwa die Vermittler „DRK Service GmbH“ und die Agentur „Streetwise“. Wer für eine derartige Agentur arbeiten wolle, solle prüfen, dass nicht nur Provision gezahlt werde und es seriöse Verträge gebe. Denn in einem zweifelhaften Vertrag habe zum Beispiel einmal gestanden, dass die Mitarbeiter „ihre Kunden zu Kinderschützern ausbilden“ sollten. Mit solchen Formulierungen zur Aus- und Fortbildung könnten eingefahrene Spenden verschleiert oder versteckt in Geschäftsberichten dargestellt werden. Beschwerden über unseriöse und nervige Werber nimmt das DZI entgegen.

Philipps Arbeitgeber wurde 1996 gegründet, Amnesty ist seit acht Jahren Kunde der Agentur. Die Ehrenamtlichen könnten den Aufwand für den mühseligen Außendienst schlichtweg nicht stemmen, sagt Amnesty-Sprecher Guido Görge. Und der Einsatz lohne sich: Die jungen Leute machten ihren Job gut und holten mit neuen Spendeneinnahmen ein Vielfaches der Kosten wieder herein. Görge betont, da man sich für die Menschenrechte engagiere, denke man „nicht im Traum“ daran, Mitarbeiter unangemessen oder rein auf Provisionsbasis zu bezahlen. „Ich habe das mal selbst gemacht, das ist harte Arbeit.“

Philipp steht im Strom der Menschen. „Man muss körperlich in guter Verfassung sein, schließlich ist man schon mal sechs Stunden auf den Beinen.“ In Berlin sind die Mitgliederwerber mit ihren Ständen unter anderem am Alexanderplatz, am Wittenbergplatz oder an den Hackeschen Höfen im Einsatz. Zwischen 900 Standplätzen kann Dialog-Direct in ganz Deutschland wählen. Die Behörden müssen die Einsätze genehmigen. „Unser einziges Kriterium ist ein reger Publikumsverkehr“, erklärt Kai Barnick – also idealerweise große Plätze und Einkaufsstraßen in Städten mit mindestens 100 000 Einwohnern. Um die Agenturen und Mitarbeiter wie Philipp zu finanzieren, zahlen Organisationen wie Amnesty wöchentlich einen festen Betrag für jeden „Dialoger“. Davon tilgt Dialog-Direct eigene Verwaltungskosten und vergütet jeden Angestellten mit einem Basislohn von mindestens 1300 Euro. Doch damit wird die gezahlte Pauschale nicht komplett ausgeschöpft: Ein Teil der Summe wird zurückgehalten, um die Straßenwerber mit einer Provision für neue Mitglieder zusätzlich zu motivieren. Bis zu 2500 Euro soll man verdienen können, heißt es auf der Webseite der Agentur. Für so hohe Summen Profis für den guten Zweck werben zu lassen – das hinterlässt bei manchen auf den ersten Blick ein Geschmäckle. Doch Umweltschutz, Menschenrechte, soziale Arbeit – die Konkurrenz der Verbände und Organisationen ist groß, und die Spendenbereitschaft der Deutschen nahm zuletzt ab.

Mitarbeiter würden sorgfältig ausgewählt und geschult, heißt es bei der Agentur. Bei „Talentchecks“ soll etwa ermittelt werden, wer die nötige Ausdauer, Frustrationstoleranz und positive Grundhaltung mitbringt. Freundlich sein, ehrlich Auskunft geben, das und mehr lege der Ehrenkodex fest, den die Agentur befolge. Die Werber dürfen sich nicht in den Weg stellen oder Körperkontakt suchen. Das ist auch wichtig für die Auftraggeber, denn ein seriöses Erscheinungsbild ist im Spendengeschäft von großer Bedeutung.

Seine Mission, sagt Philipp, sei sowieso nicht, Leuten gegen ihren Willen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Man suche Menschen, denen es nicht wehtut, etwas abzugeben. Mitarbeiter wie er sind laut der Agentur „Überzeugungstäter“ und oft selbst vielseitig engagiert. Philipp sagt, er sei offener und sicherer im Kontakt mit Fremden geworden und traue sich mehr als vorher. Häufig kann er schon vorhersagen, ob jemand stehen bleiben wird. Am schönsten sei, wenn jemand sagt: „Ja, eigentlich wollte ich immer schon Mitglied werden.“

Infos im Internet: www.ferienjob.com, www.dialogdirect.de, www.dzi.de

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