Berlin : Ein Stück Berlin in Sommerswalde

Radpartie 1 zu Herrenhäusern, Seen und Keramikwerkstätten zwischen Velten und Oranienburg. Und zum Traumschloss eines skurrilen Berliners im Havelland. Das baute sich Richard Sommer im Jahre 1891 und lebte dort mit seiner Frau und zwölf Kindern wie ein kleiner Fürst

Carl-Peter Steinmann

Die dreißig Equipagen waren bunt geschmückt. Sie warteten am Bahnhof Schwante auf die Hochzeitsgäste, die mit einem Sonderzug aus Berlin eintrafen. Fast alle Bewohner säumten die Dorfstraße. Es hatte sich herumgesprochen, dass auch zwei türkische Prinzen erwartet wurden. Als alle Gäste in den Kutschen Platz gefunden hatten, setzte sich der Konvoi in Bewegung und verschwand im Forst von Sommerswalde.

Nach kurzer Fahrt öffnete sich der Wald zu einer Lichtung und gab den Blick frei auf drei ungewöhnliche Bauten. In der Mitte ein lang gestrecktes weißes Schloss, das deutlich erkennbar als verkleinerte Kopie des kürzlich fertiggestellten Berliner Reichstagsgebäudes erbaut wurde. Rechts daneben ein roter Backsteinbau, mit kräftigem Mittelturm und vier Ecktürmen. Unverkennbar: Berlins Rotes Rathaus, nur um einiges kleiner. Und auf der anderen Seite des Schlosses eine Moschee mit vier türkisfarbenen Zwiebelkuppeln und hohen Minaretten.

Vor dem Reichstag in Sommerswalde wartete der Schlossherr, das Haupt mit einem roten Fez geschmückt. Orientalisch gewandete Diener stürzten auf die Gäste zu und führten sie ins Palmenhaus. An diesem Vormittag, im Sommer des Jahres 1898, wurde Richard Sommers Tochter Hedwig mit einem jungen Oberleutnant der Infanterie getraut.

Heute fährt kein Besucher mehr in der Kutsche vor, viele kommen mit dem Fahrrad - und im Schloss haben sich buddhistische Mönche niedergelassen. Der Weg von Schwante nach Sommerswalde hat sich aber kaum verändert: Erst geht es über ein Rinnsal, den Hörstergraben; dann stehen Kiefern am Waldweg Spalier, die schwer nach Harz duften. Ein bisschen Zick-Zack zwischen Sandfurchen, aber die Anspannung lohnt: Das Staunen über die merkwürdigen Bauten inmitten der Mark ist auch nach mehr als 100 Jahren groß. Einiges hat sich allerdings verändert. So fehlt die gläserne Kuppel. Sie wurde in den 20er Jahren abgetragen, weil ihr Einsturz drohte. Und die Moschee erinnert mehr an ein Forsthaus: Die Minarette wurden durch ein schlichtes Dach ersetzt.

Die Geschichte von Richard Sommer und seinem Sommerswalde begann in Berlins „guter Stube“ am Pariser Platz, wo er 1849 im „Palais Sommer“ an der Südseite des Brandenburger Tores geboren wurde. Als der Vater, Besitzer einer Holzgroßhandlung, starb, vermachte er seinem Sohn ein stattliches Vermögen und Grundstücke im Bereich des Brandenburger Tores. Deren Wert vervielfachte sich, nachdem die Entscheidung gefallen war, den Reichstag genau an der Stelle zu errichten, wo sich Sommers Grundstücke befanden. Mit den Kaufverträgen in den Händen war er ein gemachter Mann.

Richard Sommer erwarb nun 7000 Morgen Land, um sich seinen großen Traum zu erfüllen. Der Reichstag, der ihm unerwartet viel Geld einbrachte, und das Rote Rathaus, wo die Verträge unterzeichnet wurden, entstanden 1891 in Sommerswalde im etwas kleineren Format. Die extravaganten Bauten verschlangen einen beträchtlichen Teil seines Vermögens, machten ihn aber nicht zum armen Mann. Mit seiner Frau und zwölf Kindern inszenierte er ein fürstliches Leben, lud zu Festen und Jagden ein. Zweimal folgte auch ein junger Türke, Mustafa Kemal Pascha, Sommers Einladung ins Märkische: Er galt später als Schöpfer der modernen Türkei und erhielt den Ehrennamen Atatürk.

Einen Teil des Zierrats der Moschee wie Fliesen und Reliefs hatte Sommer in der Türkei anfertigen lassen. Die meisten Baumaterialien kamen aber aus der Umgebung, wo große Tonvorkommen den Rohstoff für Steine, Ziegel und Kacheln liefern. Einer der wichtigsten Orte der Tonverarbeitung war Velten: Dort liefern die Berge im Nordwesten des Ortes einen Ton, der für Ziegeln und Ofenkacheln ideale Eigenschaften hat.

In Velten startet unsere Radpartie – ein Ort der Ruhe. Das Städtchen ist am Vormittag noch nicht so recht aus dem Schlaf gekommen, doch vor einem Jahrhundert war das anders: 1905 gab es in Velten 38 Ofenfabriken. Sie lieferten meist nach Berlin, aber Veltener Öfen heizten auch den Menschen in anderen europäischen Metropolen ein. Begonnen hatte alles mit einer Genehmigung für den Maurerpolier Johann Ackermann 1835: Damals durfte er die erste Kachelofenfabrik und Ziegelei aufbauen – und sein Erfolg löste ein wahres Gründungsfieber aus. 1910 war der Ofenboom allerdings vorbei. Velten stürzte in eine Strukturkrise, von der sich der Ort nicht mehr erholt hat. Heute arbeiten noch zwei Unternehmen und pflegen auch die Tradition: Im Dachgeschoss der Ofenfabrik A. Schmidt, Lehmann & Co. befindet sich das Ofen- und Keramikmuseum.

Ohne den Tonreichtum wäre auch Marwitz, gut zwanzig Radlerminuten von Velten entfernt, kaum bekannt geworden. So aber hat die 2001 verstorbene, große alte Dame der Keramik, Hedwig Bollhagen, den Ort europaweit zum Begriff gemacht. Sie gründete dort 1934 ihre Keramikwerkstatt, überstand den Krieg und die Verstaatlichung. Und bis zum Tode im 93. Lebensjahr verbrachte Hedwig Bollhagen täglich viel Zeit in ihrer Werkstatt im Havelland.

Dieses Land liegt breit und behäbig zwischen Marwitz und Schwante, als hätte der liebe Gott dort seine Vorliebe für Felder und Wiesen entdeckt. Lerchen flattern auf, Trecker schleppen Staubwolken über die Äcker – ein kurzes, sportliches Feldweg-Intermezzo bis zu den schnurgeraden Radwegen von Bärenklau und Vehlefanz, frisch asphaltiert zwischen jungen Vorgärten und Familienvillen. Brandenburgs neue Welt aus der Nachwendezeit – neben Gemäuern, die schon Fontane beschrieb. Denn nun geht es per Pedale von Schloss zu Schloss.

In Schwante bewachen zwei Löwen das Schlossportal, doch hinter den stumpfen Scheiben herrscht kein Leben. Das Herrenhaus verfällt. In Sommerswalde kümmern sich die Buddhisten recht ordentlich um den „Reichstag“ – und in Oranienburg radeln wir zurück zum Glanz der frühen Preußenzeit.

Die Reifen knirschen im Kies der Parkwege. Im Schloss Oranienburg hielt sich Luise Henriette von Oranien, die Gemahlin des Großen Kurfürsten, bevorzugt auf. Das Havelland erinnerte sie an ihre holländische Heimat. Zum Wasser hatte sie es nicht weit: Der Lehnitzsee schmiegt sich im Osten an die Stadt und ist bis heute deren Naturschwimmbad. Eiscafé im Strandcafé? Und dann ins Wasser springen? „Radfahren ist die anmutigste Art des Reisens“, schwärmten schon die Potsdamer Radwanderer zur Kaiserzeit. Vielleicht haben sie dabei eine Runde um den Lehnitzsee gedreht.

Die Geschichte vom Reichstag in Sommerswalde hat Carl-Peter Steinmann ausführlich in einem Kapitel seines neuesten Buches beschrieben: „Von wegen letzte Ruhe“, Transit-Verlag (ISBN: 3-88747-166-0)

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