Berlin : Ein super Markt

Besonders statt billig und streng logisch sortiert: Warum ein Lankwitzer „Reichelt“ auszeichnet wurde

Stefan Jacobs

Der Rasen links und rechts der Einfahrt grünt ordnungsgemäß, die Einkaufswagen warten in gleich langen Reihen auf Kundschaft, und selbst der Verkäufer der Obdachlosenzeitung vor dem Eingang sieht irgendwie zufrieden aus. So ist das bei Deutschlands „Supermarkt des Jahres“, dem Reichelt in der Lankwitzer Siemensstraße. Das Branchenmagazin „Lebensmittel-Praxis“ hat die Auszeichnung für beispielhafte Gestaltung, kompetente Mitarbeiter, Angebot und Kundenbindung vergeben – und für den wirtschaftlichen Erfolg der Filiale. Das Bollwerk gegen den einkaufstechnischen Untergang des Abendlandes, ausgerechnet in Berlin?

„Na ja, die haben schon ihre Preise“, sagt Herr Knorr („wie die Suppe“), der gerade herauskommt. „Aber ich kaufe lieber drei Scheiben gute Wurst hier als ein ganzes Paket bei Lidl.“ Herr Knorr schätzt die breiten Gänge hier, „und die Verkäuferinnen sind immer nett, da kann man nicht meckern“. Die meisten waren schon hier, bevor der Laden Ende 2004 vom Edeka zum Reichelt umgebaut wurde. Herr Knorr hat sich gefreut, sie nach dem Umbau wiederzusehen.

Den Versuch eines unbeobachteten Rundgangs vereitelt Marktleiter Thomas Jänsch schon kurz hinter der Backwarenabteilung am Eingang. Mit leisem Stolz erklärt er das Konzept, das im Grunde darin besteht, dass sämtlicher Käse in und nahe der Käsetheke liegt und der Konservenfisch beim Frischfisch und nicht irgendwo sonst. Der „Frischegürtel“ beginnt mit einer fliegenfreien Obstabteilung und verläuft über die Außenbahn des Marktes. Die Ordnung soll dem Tagesablauf folgen: Wer beim Frühstückskäse nach innen abbiegt, steht vor den Cornflakes. Und wer seinen Einkaufswagen vom Grillfleisch aus durch den Abend schiebt, passiert vor der Kasse die Abteilung mit Wein und Knabberei. Wobei die im Kessel gebackenen Rosmarin- Chips dem Chef noch einen Hinweis wert sind: „Die gibt’s nur bei uns. Wir verkaufen davon 800 Tüten pro Woche.“

Dass 99 Cent für 50 Gramm nicht billig sind, sagt Jänsch gleich dazu. Er weiß, dass es vielen Leuten nicht egal sein kann, ob sie woanders die doppelte Menge dafür bekommen. Aber er ist froh, dass die Kunden sich sein Mini-KaDeWe leisten können und vor allem leisten wollen. Trüffel, ein Euro das Gramm, habe er beim letzten Mal sogar nachbestellen müssen.

Ein Kunde stoppt den Chef, weil er die scharfe Version eines Senfs nicht findet, die er aus einer anderen Filiale kennt. Sie ist nicht im Angebot, aber Jänsch notiert und sagt: „Ich kümmere mich. Kommen Sie Donnerstag wieder.“ Etwa so muss das auch mit den Testkunden beim Wettbewerb gewesen sein. „Die Fleischverkäuferin muss eine Zubereitung kennen, und jemand muss wissen, welcher Wein zu welchem Gericht passt“, hat der Chefredakteur der „Lebensmittel-Praxis“ erklärt.

Früher war in der Etage über dem Geschäft ein Baumarkt. Baumärkte gelten bei Marktetingleuten als „Magneten“. In Jänschs Minibüro kleben Zettel mit Steilkurven: Umsatz, Kunden, Durchschnittsumsatz – alles steigt seit dem Umbau vor anderthalb Jahren. Ohne Baumarkt. „Wir sind jetzt unser eigener Magnet“, sagt Jänsch. Es scheint ihm selbst nicht ganz geheuer zu sein, dass der Laden derart brummt – ohne Geizkampagne, ohne Magneten und ohne anderes, was Berater so zu empfehlen pflegen.

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