Berlin : „Ein Tag der Arbeitslosigkeit“

Berlins Verdi-Chefin Stumpenhusen über den 1. Mai und die Gewerkschaften

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Frau Stumpenhusen, was machen Sie am 1. Mai?

Ich werde in Eberswalde reden. UckermarkBarnim ist in Brandenburg die Region mit der höchsten Arbeitslosigkeit von über 25 Prozent.

Ist der 1. Mai noch ein Tag der Arbeit oder ein Tag der Gewerkschaften?

Der 1. Mai ist inzwischen auch ein Tag der Arbeitslosigkeit. Traditionell ist es aber der Tag, an dem die Menschen für soziale Gerechtigkeit eintreten. Leider gibt es aber auch andere Traditionen wie in Kreuzberg, wo ich wohne. Dort ist der 1. Mai für einige Randalierer ein Tag, um den Kiez zu zerstören. Das ist ein trauriges Ritual, von dem ich mich distanziere.

Entwerten diese Krawalle den 1. Mai als traditionellen Tag der Arbeit?

Nein. Bei manchen Demonstranten, die zur Revolutionären 1.-Mai -Demo gehen, gibt es sogar politische Ansätze wie zum Beispiel die Forderung nach Umverteilung, die ich unterschreiben würde.

Was bedeutet das diesjährige 1.-Mai- Motto der Gewerkschaften?

Der Slogan heißt: „Du bist mehr als nur ’ne Nummer“. Es geht um die Würde des Menschen. Menschen sind mehr als nur ein Kostenfaktor. Gerade dann, wenn Spitzenmanager Verzicht predigen, die selbst auf nichts verzichten wollen.

Die Menschenwürde bezieht sich vor allem auf Hartz-IV-Betroffene. Die gehören aber doch gar nicht zu Ihrer Klientel?

Wir haben zahlreiche arbeitslose Mitglieder. Natürlich vertreten wir nicht nur die Interessen der Arbeitnehmer, sondern auch die der Arbeitslosen.

Was tun die Gewerkschaften für ALG-II- Empfänger?

Wir beraten die Betroffenen und beobachten, ob Hartz-IV-Maßnahmen tatsächlich die Arbeitslosigkeit senken. Es darf nicht nur gefordert werden, es muss auch gefördert werden. Und sollten wir feststellen, dass sichere Arbeitsplätze durch Ein- Euro-Jobs vernichtet werden, werden wir massiv dagegen vorgehen.

Die Kritik an Gewerkschaften reißt aber nicht ab: Sie verwalten sich selbst und sind in den Positionen der Siebziger- und Achtzigerjahre stehen geblieben. Wozu brauchen wir noch Gewerkschaften?

Irgendjemand muss sich doch bei der Frage der sozialen Gerechtigkeit und der Umverteilung noch äußern. Das vermisse ich immer mehr bei den Parteien, denen es häufig nur um ihre Machterhaltung geht. Würde es die Gewerkschaften nicht geben, hätten wir Zustände wie im Frühkapitalismus. Man darf dem Unternehmerlager nicht kampflos Begriffe wie Modernisierung überlassen. Sicher hat sich die Rolle der Gewerkschaften geändert: Konnten sie früher noch bei der Verteilung von Einkommenszuwächsen mitreden, ist das heute kaum mehr der Fall. Es ist auch schwieriger, Arbeitnehmerrechte und Tarife durchzusetzen.

Unterstützen Sie Münteferings Kapitalismuskritik?

Natürlich. Höchste Zeit, dass ein SPD-Politiker deutliche Worte spricht. Die Unternehmer müssen mehr Verantwortung übernehmen. Die Regierung hat sich lange auf unverbindliche Absprachen verlassen und hat nur herumgeeiert: am Bündnis für Arbeit, am Ausbildungspakt. Rot-Grün hat vergeblich gehofft, dass das Kapital einlenkt und Arbeitsplätze schafft. Man ist den Unternehmen sogar mit Steuersenkungen entgegengekommen. Wenn ich aber sehe, dass trickreiche Spitzenverdiener nur wenig Steuern zahlen, ärgert mich das maßlos. Deshalb brauchen wir mehr Steuergerechtigkeit.

Müntefering fordert im aktuellen „Zeit“-Interview ein unbefangenes Verhältnis zur einfachen Arbeit. Klingt doch gut: Arbeit schaffen für noch weniger Lohn, oder?

Eine Stärkung des Niedriglohnsektors führt nicht zu mehr Arbeit, sondern zu Lohndumping. Wir fordern branchenübergreifend einen gesetzlichen Mindestlohn zwischen 7,50 und 8,50 Euro, wie er in 18 von 25 EU-Mitgliedsstaaten üblich ist. Tariflöhne werden, wie im Baubereich, doch kaum noch eingehalten.

Das Gespräch führte Sabine Beikler.

Susanne Stumpenhusen (50) ist seit 2001 Verdi-Chefin

Berlin-Brandenburg. Mit rund 240 000 Mitgliedern ist die Dienstleistungsgewerkschaft die mitgliederstärkste der Region.

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