Berlin : Ein Tiernarr namens Ochs

Der Zoo-Veterinär hat 14 000 potenzielle Patienten – und wohnt mitten unter ihnen. Selbst zu Weihnachten

Christian Tretbar

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Ein Kletteraffe am Regal. Eine Kuh an der Pinnwand. Ein Frosch auf dem Schreibtisch. Elefantenposter an der Wand. Und im Regal noch der Totenkopf eines Schimpansen – aus Plastik versteht sich. Alle seine Bürotiere sind bunte Andenken: Magneten, Brieföffner, kleine Skulpturen. Der Arbeitsplatz von Andreas Ochs, Tierarzt im Berliner Zoo, ist alles andere als eine typische, sterile Praxis. Stattdessen alles voller Holzregale mit Büchern und schnuckeligen Staubfängern. Na gut, ein schwarzer Computer, das reicht ihm an Technik. Der Mann, der Ochs heißt, mag es gemütlich. Ein Büro, das zu einem Mann passt, der die Tiere liebt. Sie bestimmen das Leben des 45-Jährigen – nicht nur den Alltag.

In seiner Freizeit geht er Reiten. Das kann er seit seinem zehnten Lebensjahr. Neuerdings geht er auch noch Tauchen: dieses Jahr erstmals, in Ägypten. Da kommt er ins Schwärmen: „Wenn man scheinbar schwerelos über ein Korallenriff hinweggleitet, das ist unvergleichlich schön.“ Und dann Safaris: Ochs unterwegs mit Fernglas, Tiger in Indien oder Nasenaffen in Borneo im Visier. „Man muss die Tiere aus dem Zoo auch mal in freier Wildbahn erleben“, sagt er. Seine Leidenschaft entdeckte er früh.

„Ich hatte seit meinem vierten Lebensjahr nichts anderes im Sinn, als Tierarzt zu werden.“ Schon Stofftiere hat er verarztet. Seine Eltern mussten ständig mit ihm in den Zoo gehen. Elefanten sind seine Favoriten. Die beobachtet er heute noch am liebsten. Ochs wohnt in einer Dienstwohnung zwischen Robben- und Zebragehege. Familie? Keine Zeit. Der Tierarzt ist Single. „Das ist manchmal hart, aber ich mache meine Arbeit eben gern“, sagt er.

Dem Berliner Zoo ist Andreas Ochs seit seiner Kindheit treu geblieben. Nach dem Studium hat er dort für seine Doktorarbeit recherchiert: Darin ging es unter anderem um die Fortpflanzung der Pandabären. Yan-Yan konnte er trotzdem nicht helfen.

Seit 15 Jahren ist Ochs für 14 000 potenzielle Patienten im Zoo zuständig – im Notfall rund um die Uhr. Nachteinsätze, behauptet er, seien eher der Sonderfall. Wie der im Jahr 2005: Schimpanse Pedro hatte hohes Fieber. „Er wollte nur von mir und nicht vom Pfleger seine Medizin haben.“ Klar, dass der Doktor da war. Morgens um acht beginnt sein Dienst mit einem Rundgang. Dann klingelt mitunter das Handy: Tier krank, meldet der Pfleger und Ochs düst los – mit dem Fahrrad, auf dem Gepäckträger die alte, große Ledertasche. Da sind seine wichtigsten Utensilien drin: unten die Ampullen, darüber Wattetupfer und Instrumente, etwa der Thermokauter, eine Art Lötkolben, der Blutungen stoppt, indem er Wundränder verschmelzen lässt. Nicht immer gibt es für jedes tierische Problem das passende Instrument. Dann wird Herr Ochs eben zum Erfinder.

Wie bei Kenny, der Dama-Gazelle. Da musste als Verband für ihre wund gescheuerten Hörner ein Schrumpfschlauch helfen, mit dem sonst Elektrokabel gebündelt werden. Der Zoo-Schlosser konnte Andreas Ochs helfen: Er stülpte dem Tier den Schlauch über, erhitzte ihn, das Teil zog sich zusammen und verschloss die Wunde. Manchmal hilft aber auch gar nichts mehr. Dann muss der Tierarzt einschläfern. „Das kommt häufig vor, weil die Tiere im Zoo deutlich älter werden als in der Natur“, sagt er. Zu große emotionale Nähe zum Patienten darf nicht sein, darauf achtet er. Nur wenn er Tierbabys nicht mehr retten kann, dann tut ihm das Herz weh. Elefantenbaby Kiri war solch ein Fall. Dessen Vater war an Elefanten-Herpes gestorben. „Der Kleine kämpfte drei Monate mit der Krankheit, bis er nicht mehr konnte.“ Solche Fälle können ihm den Schlaf rauben. „Ein Gefühl der Ohnmacht verspürt man dann“, sagt er.

Heiligabend hat er zoofrei, feiert mit Eltern und Geschwistern in Zehlendorf. Käsefondue, keine Bescherung. Er ist auf Bereitschaft, das Handy bleibt an. Könnte ihn ja jemand brauchen. Nashorn Kumi zum Beispiel, hochschwanger. Da könnte ein „Christkind“ kommen.

Die Führung zu den Tieren der Bibel kann man – zum Normalpreis (Erw. 7, Kinder 4 Euro, zzgl. Eintritt) auch am 25. und 26. Dezember jeweils um 11 und um 14.30 Uhr mitmachen.

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