Berlin : Ein Tod und zwei Chancen

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Geschichten von oder über Menschen, die auf den Arzt warten, die stehen hier jeden Montag. Heute: aus der Chirurgie, wo Nieren transplantiert werden. Hier treffen sich Patienten aus ganz Deutschland.

Im achten Stock des Hamburger Uniklinikums liegt die Abteilung Hepatobiliäre Chirurgie. Nierentransplantation. Vor der Glastür stehen drei blaue Stühle. Es ist gegen 19 Uhr. Eine ältere Frau sitzt auf dem linken Stuhl, ein älterer Mann sitzt auf dem rechten. Sie gehören nicht zusammen, sie haben sich nie zuvor gesehen. Sie sind beide herbestellt worden, am Nachmittag per Telefon, denn sie brauchen eine neue Niere, und in Lübeck ist am Nachmittag eine Frau gestorben. Am Anfang ist da ein kurzer Konkurrenzgedanke. Wieso bestellen die uns beide, wenn nur ein Spender gestorben ist? Ist einer geeigneter als der andere? Wird für den einen die Dialyse bald vorbei sein und der andere muss weiter drei Mal pro Woche zur künstlichen Blutwäsche? Aber dann wird ihnen klar: Jeder soll eine Niere bekommen, die Spenderin hat schließlich zwei.

Der Mann und die Frau kommen ins Gespräch. Sie sprechen über ihre Krankheitsgeschichten. Der Mann sagt: Wenn wir jeder eine Niere von derselben Frau bekommen, sind wir ja irgendwie verwandt. Ein Gedanke, der beide zuerst erschreckt, man kennt sich ja schließlich nicht, aber dann auch tröstet. Sie sind nicht allein auf diesem kargen Krankenhausflur.

Dann kommt eine Ärztin und sagt, leider käme eine Operation nicht in Frage. Die Spenderin sei krank gewesen, eine Transplantation wäre gefährlich. Der Mann und die Frau nehmen ihre Taschen und fahren wieder nach Hause. Sie stehen ganz oben auf der Liste. Vielleicht sehen sie sich bald wieder. ari

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