Berlin : Ein Treppenwitz der Berliner Sportgeschichte

Heike Gläser

Nur Deppen steigen Treppen,mag manch einer denken und nimmt den Aufzug. Marion Schnabel geht es ähnlich. Sie packt ihre Erste-Hilfe-Tasche und fährt mit dem Fahrstuhl in den 29. Stock des höchsten Wohnhauses in der Gropiusstadt. Die 28-Jährige ist beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) und kümmert sich darum, dass die Läufer des zweiten Berliner "Tower Run" wohlbehalten oben ankommen. "Wer läuft schon freiwillig 465 Stufen - und das auf Zeit", wundert sich die Sanitäterin und blickt in den grauen Himmel.

Am Fuße des Hochhauses in der Fritz-Erler-Allee 120 machen sich derweil die Teilnehmer des Treppenlaufes für den Start bereit. Es ist kalt. Die wenigen Zuschauer wärmen sich bei Kaffee, Tee und Würstchen. Dirk Beyer, Vorsitzender des Turn- und Sportvereins (TuS) Neukölln, greift zum Mikro: "Wer seine Turnschuhe holen will, kann noch mitmachen." Die Abteilung Triathlon der TuS Neukölln ist für die sportliche Ausrichtung des Tower Run veranwortlich. Beyers Ansage klingt leicht verzweifelt, denn nicht alle, die sich für den Treppenlauf angemeldet haben, sind auch erschienen.

Kein Wunder bei diesen trüben Aussichten. Die oberen Stockwerke des Gebäudes sind gar nicht zu sehen, verschwunden in dicken Wolken. Da hilft auch das Transparent der IDEAL-Baugenossenschaft nicht, das mit "Guten Aussichten und idealem Wohnen" wirbt. Die Baugenossenschaft organisiert mit der SPD-Fraktion der Neuköllner BVV den sportiven Lauf. Er soll helfen, das Image der tristen Wohngegend aufzubessern. Das hoch gesteckte Ziel: Dem New Yorker Vorbild nachzueifern - auch diesen Februar soll der Tower Run im Empire State Building stattfinden.

Die erste Gruppe, die die 29 Stockwerke erklimmen will, sind die Frauen. Von 17 angemeldeten Läuferinnen sind nur sechs am Start. Zweimal joggen sie um den Parkplatz, bevor der Aufstieg durch das Betontreppenhaus beginnt. Petra Dronke-Schiller erreicht als Erste das Ziel in 5:20 Minuten. "Ich bin nicht ganz unsportlich", kommentiert die 30-jährige Mutter zweier Kinder ihren Sieg. Sie ist Mitglied im Triathlon Verein der LC Stolpertruppe Berlin und war auch im letzten Jahr dabei. Marina Boßdorf hingegen kam als Letzte ins Ziel. "Macht nichts, es hat einfach Spaß gemacht", sagt die 39-Jährige noch etwas außer Puste. Ihr Mann laufe in der so genannten Masters-Gruppe der Herren ab 40.

14 Männer dieser Klasse besteigen nach der 400 Meter langen Einführungsrunde das höchste Wohnhaus Deutschlands. Oben angekommen lehnen sich die erschöpften Amateursportler an die Balustrade und schnappen nach Luft. Allen voran Raimund Krupka (42) vom SV Stahl Hennigsdorf, dicht gefolgt von Wendelin Trautmann, der nur sechs Sekunden langsamer war. Der 49-Jährige ist enttäuscht, hat er doch zunächst das Feld angeführt.

Vorjahressieger Yves Hollmann (17) startete im Hauptfeld zusammen mit 42 Mitstreitern. Das Publikum feuert die Sportler an, bis sie im Hauseingang verschwinden. Dann heißt es warten, bis die Gewinner ermittelt sind. Einige Zuschauer tanzen zu Pop-Klängen, die aus aufgestellten Boxen schallen, um sich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt bei Laune und vor allem warm zu halten. Während dessen durchläuft der schnellste Mann hoch oben das Ziel. Ronald Pierenz erreicht mit 3:32 Minuten eine neue Rekordzeit. Der 24-jährige Student trainiert in seiner Freizeit Triathlon beim Ski-Club Berlin. Das Treppenlaufen mache ihm zwar Spaß, aber in den Triathlon-Disziplinen Schwimmen, Laufen und Radfahren fühle er sich doch wohler. Yves Hollmann verfehlte seine Bestzeit vom Vorjahr um eine Sekunde und landete in der Gesamtwertung auf Platz zwei.

Marion Schnabel vom ASB indes blieb beim Tower Run arbeitslos: Es gab keinen Sturz, keinen Kreislaufkollaps, keine Verletzungen. Alle 64 Läuferinnen und Läufer kamen heil ins Ziel.

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