• Ein Triumphzug mit heißen Herzen, Konfetti und grenzenlosem Jubel Ein unvergeßliches Erlebnis: Eineinhalb Millionen West-Berliner jubelten Kennedy zu

Berlin : Ein Triumphzug mit heißen Herzen, Konfetti und grenzenlosem Jubel Ein unvergeßliches Erlebnis: Eineinhalb Millionen West-Berliner jubelten Kennedy zu

Brigitte Grunert

In vielen Betrieben ruht die Arbeit, in den Behörden wird sie auf ein „unerlässliches Mindestmaß beschränkt“, die Müllabfuhr und die Mittagspost fallen aus, die Kinder haben schulfrei. Die Bäcker haben schon seit Mitternacht gebacken und dafür um 12 Uhr Schluss gemacht. Alle wollen John F. Kennedy sehen. Grenzenlos ist die Freude über den Berlin-Besuch des amerikanischen Präsidenten. 40 Jahre ist das her, aber der 26. Juni 1963 hat sich in das kollektive Gedächtnis der gebeutelten Stadt eingegraben.

Der DGB hat bereits eine Woche vorher dazu aufgerufen, dem ersten Mann der freien Welt einen Empfang zu bereiten, „wie er noch nie einem Staatsmann zuteil geworden ist“. Das tun die anderthalb Millionen Menschen auch mit heißen Herzen, die ihm auf seiner 53 Kilometer langen Fahrtroute zujubeln. Es wird der größte Triumphzug Kennedys. Zeitweilig gleicht er einer Konfettiparade; findige Berliner haben alte Telefonbücher dafür zerschnitzelt. Der Höhepunkt ist die Kundgebung vor dem Rathaus Schöneberg. 400 000 Berliner geraten aus dem Häuschen, als Kennedy auf Deutsch das legendäre Bekenntnis spricht: „Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger dieser Stadt West-Berlin, und deshalb bin ich als freier Mann stolz darauf, sagen zu können: Ich bin ein Berliner.“ Das trifft den Nerv. Das Gefühl tut gut, dass sich der mächtigste Mann des Westens mit ihren Sorgen und Sehnsüchten identifiziert.

Die Berliner haben viel durchgemacht, und die sowjetische Bedrohung ist nicht vorbei. Sie haben die Blockade 1948/49 erlebt, den blutigen 17. Juni 1953, das Chruschtschow-Ultimatum 1958, mit dem Moskau die Westmächte zum Abzug und West-Berlin zur Freien Stadt machen wollte, den Schock des Mauerbaus am 13. August 1961 und die brenzelige Kuba-Krise. Gewiss, Kennedys Vizepräsident Lyndon B. Johnson, der eine Woche nach dem Mauerbau Berlin besuchte und Truppenverstärkung mitbrachte, wurde dankbar begrüßt, aber die Depression war unverkennbar.

Diesmal klingt der Jubel aus ganzer Seele zuversichtlich, denn Kennedy strahlt selbst Hoffnung, Kraft, Mut und Warmherzigkeit aus. Er verkörpert jugendlichen Schwung, den Willen, etwas zu verändern, damit es besser werden kann in dieser Welt. Und man kann schwärmen für Kennedy, für sein herzhaftes Lachen, für die jungenhafte Geste, mit der er sich die Haare aus der Stirn streicht, für sein ungezwungenes Auftreten.

Auf den Tag 15 Jahre nach dem Beginn der Luftbrücke wird er auf dem Flughafen Tegel mit 21 Schuss Salut und den schmissigen Klängen der „Berliner Luft“ empfangen. Auch General Lucius D. Clay begleitet ihn; der Vater der Luftbrücke bekommt Extra-Ovationen. Stehend fahren John F. Kennedy, Kanzler Konrad Adenauer und der Regierende Bürgermeister Willy Brandt im offenen Lincoln durch die Stadt. An diesem großen Tag sind alle ein Herz und eine Seele.

In der Kongresshalle, ein Geschenk der Amerikaner, wird Kennedy vom Bundeskongress der IG Bau-Steine-Erden gefeiert. Sichtlich bewegt nimmt er die Blumen entgegen, die ihm IG-Bau-Chef Georg Leber (später Bundesverteidigungsminister) von Ost-Berliner Kollegen überreicht. Die Mauer wird besichtigt; der Osten hat das Brandenburger Tor mit roten Fahnen verhängt. So dicht soll der eiserne Vorhang sein. Am Checkpoint Charlie registrieren Kameras weit hinten in der Friedrichstraße winkende Ost-Berliner.

Vor dem Henry-Ford-Bau der Freien Universität begrüßen 20 000 Studenten den charismatischen Hoffnungsträger stürmisch. Zum Dank für für amerikanische Hilfe seit der Gründung der FU Ende 1948 wird Kennedy zum Ehrenbürger der FU ernannt. Im roten Ornat verliest Rektor Ernst Heinitz feierlich die lateinisch abgefasste Laudatio. „West-Berlin“, sagt Kennedy immerfort. Nur für West-Berlin kann er Schutzgarantien geben. Er verheißt die Wiedervereinigung, aber auf einem langen, schweren Weg. Man dürfe sich nicht mit dem Status quo zufrieden geben. Brandt sagt nicht West-Berlin, sondern „Hauptstadt Deutschlands“. Der greise Adenauer (87) spricht von einer „Abstimmung mit den Füßen“ – und nüchtern von „diesem Teil der Bundesrepublik“. Hinter scheinbaren Zufallsformulierungen stecken politische Nuancen. Brandt ist mit dem amerikanischen Präsidenten schon auf der Suche nach der Entspannungspolitik. Zu Weihnachten 1963 gelingt ihm der erste Versuch mit dem Passierscheinabkommen.

Kennedy haben die acht Stunden in Berlin tief beeindruckt. Er verabschiedet sich in Tegel mit den Worten, er werde seinem Nachfolger ein Briefchen hinterlassen, das nur bei tiefer Entmutigung zu öffnen sei und nur drei Worte enthalte: Geh nach Berlin.

Dem Enthusiasmus des historischen Tages entspricht die Erschütterung am Abend des 22. November 1963 bei der Nachricht von den tödlichen Schüssen auf Kennedy in Dallas, Texas. Berlin habe seinen besten Freund verloren, sagt Brandt bei der spontanen nächtlichen Trauerkundgebung auf dem Rudolph-Wilde-Platz vor dem Rathaus Schöneberg. Drei Tage später strömen dort mehr als 250 000 Berliner zur Gedenkfeier, in der der Platz in John-F.-Kennedy-Platz umbenannt wird. Es ist die Stunde der Beisetzung auf dem Heldenfriedhof in Arlington.

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