Berlin : Ein ungekrönter König dankt ab

Richter Rüdiger Warnstädt bestritt am Dienstag im Amtsgericht Tiergarten seinen letzten Verhandlungstag

Katja Füchsel

Lächelnd lässt Rüdiger Warnstädt den Kugelschreiber zwischen den Fingern kreisen. An seinem letzten Sitzungstag hat das Schicksal ihm noch einmal einen Fall wie aus dem Bilderbuch beschert. Erster Diebstahl mit 15, dann kam Unterschlagung dazu, Hehlerei, Körperverletzung. . . Der Bewährungshelfer sagt, dass Marcel S. sich nie ein eigenes Leben aufbauen konnte. Weil er von Einrichtung zu Einrichtung wechselte, vom Heim in den Knast, vom Knast ins Heim. Warnstädt nickt grinsend. „Ich bin hier auch seit 35 Jahren in so einer öffentlichen Einrichtung untergebracht.“

Der Mann in der schwarzen Robe meint die Berliner Justiz. Er spricht vom Amtsgericht Tiergarten, Saal 672, wo er zwischen orangefarbenen Plastikstühlen und grünem Linoleum über die immer gleichen Kandidaten zu richten hat: Eierdiebe, Schläger und Säufer. Streitende Nachbarn, pöbelnde Nazis, beleidigte Polizisten, zahlungsunwillige Väter. Höchstens vier Jahre Gefängnis verhängt Warnstädt, mehr darf er als Amtsrichter nicht. Meist ist es viel weniger. Trotzdem richtet er selten vor leeren Publikumsbänken. Klassen pilgern zum Saal 672, Schulfreunde des Richters, Polizeischüler oder, wie gestern, der Verkäufer von Warnstädts neuester Winterjacke.

Warnstädt pflegt seine Rituale. Vor Verlesung der Anklage lässt er die Delinquenten gerne erst einmal schmoren, während er sich selbst genüsslich warm redet, über die Herkunft des Namens des Angeklagten sinniert oder den Zustand der Justiz und des öffentlichen Nahverkehrs analysiert. Auch Marcel S. rutscht am Morgen unsicher auf der Anklagebank herum. Ob er wisse, wer Carl Schurz war, fragt Warnstädt. Marcel S. schüttelt den Kopf. Ob er die berühmteste Einwohnerin der Stadt Köthen kenne? Marcel S. verneint. Warnstädt lacht. „Mein Gott, ich bin ja auch ’ne Strafe hier!“

Was wurde der Richter in der Presse schon gefeiert: Als ungekrönter König am Amts- und Kriminalgericht in Moabit. Als Kultfigur der Berliner Justiz. Als Richter von hohem Unterhaltungswert. Sogar als Star. Er hätte aufsteigen können in den Hierarchien der Justiz, doch mit Ausnahme einer Episode als Senatssprecher in den 70ern blieb er dem Amtsgericht treu. „Man erfährt so viel über die Menschen, man müsste eigentlich dafür bezahlen“, pflegt Warnstädt zu sagen.

15 Verfahren hat Marcel S. bereits hinter sich, jetzt verliest der Staatsanwalt sieben weitere Punkte, alles Diebstähle: ein Päckchen Tabak bei Plus, eine Flasche Weinbrand bei Edeka, fünf Pakete Textilfarbe bei Schlecker, ein Paket Nicnac-Erdnüsse bei, so heißt der Laden, Nimm’s mit. Langwierige Beweisaufnahmen? Umständliche Befragungen? Nichts für Warnstädt. „Das sind ja alles Lappalien. Also was machen wir mit ihm?“ fragt er den Rechtsanwalt.

Marcel S. war gut beraten, alles zu gestehen, denn kaum etwas verabscheut Warnstädt mehr, als wenn die Angeklagten die Wahrheit verdrehen. Die Lügner staucht er dann zusammen wie ein alter Lehrer. Und sonst? Warnstädt mag keine Hunde, er verabscheut das Fernsehen, liebt dafür das Theater. Vor vier Jahren schaltete er eine Anzeige: Hiermit gebe ich den Tod des Metropol-Theaters Berlin bekannt, im 100. Jahr seines Bestehens, ermordet vom Senat von Berlin, fünf Jahre nach der Ermordung des Schillertheaters. Statt Blumen: Abwählen!

Das Amtsgericht Tiergarten ist Warnstädts Theater. Er stöhnt und staunt, zieht die Augenbrauen hoch, zupft sich an der weißen Fliege, wandert dozierend durch den Saal. Er belehrt, empört sich, am liebsten über die Bürokraten. Ist der Hauptdarsteller von Nummer 672 besonders gut drauf, rafft er nach einer Verhandlung mit weit ausholender Geste die Robe zusammen, um sich vor dem Publikum zu verbeugen. Der Schauspieler Martin Semmelrogge saß erst vor einigen Wochen bei Warnstädt auf der Anklagebank – und attestierte ihm nach dem Urteil: „Der Richter ist ein guter Schauspieler, er ist talentiert.“

Fast hätte er Russisch studiert, doch dann schrieb er sich als junger Mann, gerade aus dem Osten in den Westen gewechselt, bei Jura ein. Am gestrigen Dienstag trat Rüdiger Warnstädt in seinem Saal zum letzten Mal auf, denn Moabits dienstältester Amtsrichter geht in Rente. Was dem kleinen, grauhaarigen Mann mit der runden Brille offenbar beste Laune bereitet. Er fühle sich wie in den Tagen nach seinem Abitur, sagt Warnstädt, nur noch besser. „Denn damals hatte ich kein Geld.“

Bleibt noch das Urteil für den 21-jährigen Marcel S. zu sprechen: sechs Monate auf Bewährung. Mittags blickt Warnstädt im Saal ein letztes Mal in die Runde, dann sagt er: „Ich verabschiede mich. Danke.“

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