Berlin : Ein verputztes Stadtbild

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Zu den gewiss harmlosen menschlichen Sinnesschwächen zählt das Unvermögen, ein kleines, verschwundenes Stadtbild aus der Erinnerung genau zu beschreiben: ein Gebäude oder eine entfernte Inschrift. Mir jedenfalls geht es so, und dann geht die Sucherei nach alten Fotos los, die Fragerei in der Umgebung eines verschwundenen Bildes. Dabei tritt eine verbreitete Berliner Eigenart zutage: Gleichgültigkeit gegenüber kleinen Stadtbildern. Und wo es keine Gleichgültigkeit ist, da ist es die Fremdheit einer babylonisch durchmischten Bevölkerung. Darf man es denn Berliner Türken, Arabern, Polen, Russen, Italienern verübeln, wenn sie nicht hersagen können, was es mit diesem Haus oder jener Inschrift auf sich hatte?

Einem herrlich humorbegabten Freund hatte es gefallen, mir einen Floh ins Ohr zu setzen, wissend, dass ich nun keine Ruhe geben würde, bis ich herausbekäme, wie die weggeputzte, alte Inschrift am Hause Potsdamer Straße 168, ihrem Schöneberger Abschnitt, gelautet hatte. Es habe sich um einen in die Fassade eingemeißelten Kneipenn mit Bezug zum Sportpalast gehandelt; denn der hatte von 1910 bis 1973 gleich nebenan gestanden. Ihm, dem Freund, sei –sagte er jedenfalls – der Kneipenname entfallen, doch aufgefallen, dass er nun an der weiß verputzten Fassade fehlte. Ich wisse doch gewiss –meinte er – welches Haus er meine, das nämlich mit dem Sex-Shop und der steilen Treppe hinan ins Ungefähre. Wie gesagt, ihm eignet eine aparte Vergnügtheit. Die steile Treppe führt freilich zu einer Zahnarzt-Praxis. Die Sprechstundenhilfe – auf die verputzte Kneipeninschrift hin befragt - sprach: keine Ahnung . Hier fand ich bestätigt, was ich eingangs sagte: Gleichgültigkeit gegen kleine Stadtbilder, denen wir auf unseren alltäglichen Wegen doch begegnen. Im Laden unten, einem türkisch betriebenen Bistro auch Fehlanzeige. Im Sex-Shop sodann sagte der fremdsprachige Ladenhüter: Kommen mit! Und führte mich in eine finstre Ecke, ein Lager mit Stapeln von Prall- und Spreizbildern, wo ein dort abgestelltes langes Pappschild lag: import-export. Das war’s wieder nicht. Fehlanzeige auch bei allen Händlern im Umkreis vom Asia-shop über arabisches Honiggebäck zu türkischem Friseur. So ließ ich mich, des allmählich lächerlichen Suchens müde, auf dem Trottoir vorm Vannini, dem italienischen Eiscafé, neben Pascha, dem türkischen Döner-Grill nieder und beschloss, mit dem Such-Spiel Schluss zu machen. Nicht einmal alte Adressbücher im Zentrum für Berlinstudien halfen da weiter; denn die Hausnummern heute sind ganz andere als vor Kriegsende. Wo heute Nummer 168 , also unser fragliches Haus, ist, war’s früher Nummer 72; denn der Sportpalast war 71. Die einzige, jedenfalls bei länger einsitzenden Berlinern eindeutige Potsdamer-Straßen-Adresse ist Radio Brée am Sportpalast ein paar Häuser weiter (Numer 164). Das war ein Berliner Begriff: dem Pennäler in Grunewald wie Lemkes sel. Witwe in Tegel.

Es verblieben in der Potsdamer an der Fassade nur blind-brüchig erloschene Leuchtröhren und der Schatten des einst erhabenen, längst abgebrochenen Namenszugs Brée zwischen erster und zweiter Etage. Gegenüber ist ein Optiker. Ich war schon auf dem Rückzug, gab die Inschrift-Suche auf, fragte nur noch en passant beim Optiker nach – o Wunder! – Stefan Wunder, der Optiker sprach: Es war die Sport-Klause. Nun war’s heraus. Und er sprach noch vom letzten Wirt namens Ehrgang und dessen Serviererin Frau Wagner. Ende eines Spiels mit kleinen Stadtbildern.

Dann erst rückte der schalkhafte Freund mit seinem Wissen heraus: Hab’ ich doch gewusst. In Wahrheit hatte er mir über eine Einfallslücke hinweghelfen, mir mein Körbchen mit Sammeleien füllen helfen wollen, damit ich am sonntäglichen Markttag nicht ohne etwas dastehe. Hinter manchem Schriftzug steht eine Fürsorge, sei es auch eine Kneipe.

99 ZEILEN SCHWERK

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