Berlin : Ein versuchter Mord „ohne jeden Anlass“

Morgen beginnt der Prozess gegen Waldemar O., der Thiemo K. vor die U-Bahn geschubst haben soll. Thiemo K. wurden beide Unterschenkel amputiert

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Nach dem Verbrechen wurde die Sicherheit auf Bahnsteigen neu diskutiert, und viele Menschen gehen seitdem nicht mehr an der Bahnsteigkante lang, ohne vorher zu gucken, wer in ihrer Nähe steht. Es war der versuchte Mord an Thiemo K., der am Montag, den 16. Dezember 2002, vor die Räder der einfahrenden UBahn gestoßen wurde. Der erste Waggon überfuhr ihn, Thiemo K. verlor beide Unterschenkel.

Der mutmaßliche Täter heißt Waldemar O., ist 32 Jahre alt, Spätaussiedler aus Kasachstan und mehrfach vorbestrafter Gewalttäter. Er wurde nur einen Tag später verhaftet, am 22. April war die Anklage wegen versuchten Mordes und schwerer Körperverletzung fertig, am morgigen Dienstag beginnt der Prozess in Saal 129 B des Landgerichts.

Die Staatsanwaltschaft wirft O. vor, eine „Tötungsabsicht“ gehabt zu haben, als er den 22-Jährigen „ohne jeden Anlass“ vor die Bahn stieß. O. hatte auf dem Bahnsteig Zwickauer Damm gezecht. Das stimmt nicht, sagte O., er sei gar nicht da gewesen. Wie so oft, sagten Zeugen, die ihn wieder erkannt haben. Auch Thiemo K. hat ihn wiedererkannt. Auf Fotos, die man ihm im Krankenhaus gezeigt hat. O. ist zwei Meter acht groß. Einer, der auffällt. Er hatte Thiemo K. auf dem Bahnsteig angesprochen, in russischer Sprache auf ihn eingeredet. Thiemo K. versteht kein Russisch, er wandte sich ab, O. ließ ihn in Ruhe. Bis die Bahn kam.

Thiemo K. wollte nur eine Station fahren. Mit der U7 von Zwickauer Damm zur Endstation Rudow. Wie immer, wenn er nach der Ausbildung beim Haushaltsgeräteservice Hermann in Neukölln nach Hause fuhr, nach Altglienicke, wo er mit seiner Freundin Jessica und der kleinen Tochter wohnte.

Zwei Tage schwebte Thiemo K. in Lebensgefahr, drei Monate war er insgesamt im Krankenhaus, erst in Neukölln, später in Marzahn. Das rechte Knie musste amputiert werden, weil es nicht heilte. Das macht das Laufen auf Prothesen schwierig. Aber Thiemo K. ist ein sportlicher Typ, und er hat Ehrgeiz. Er will in diesem Sommer wieder laufen können, hat er gesagt.

Viele Berliner nahmen Anteil an dem Unglück von Thiemo K., von dem kein klagendes Wort öffentlich wurde, nur Mut zum Neuanfang, der Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen. Es wurde Geld gespendet, die junge Familie konnte Mitte April nach Rudow in eine Parterrewohnung mit Garten ziehen, bekam ein behindertengerechtes Auto.

Thiemos Tage beginnen seit Monaten mit Fitnesstraining, Rollstuhltraining, Prothesensprechstunde, Schwimmen. Einmal hat er gesagt, dass er zum Prozess kommen will. Um zu sehen, wie O. in Handschellen abgeführt wird. Und damit die Chancen steigen, dass O. die Höchststrafe bekommt. O., das Arschloch, sagt er. Die Höchststrafe, das wäre lebenslänglich. Weil der versuchte Mord in der Regel so schwer bestraft wird wie die vollendete Tat. ari

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