Berlin : Ein „Vorfall“ mit Folgen

Gewalt an der Schule: Im Bundestag diskutieren Jugendliche über den Überfall aufs Büchner-Gymnasium

Meike Patzig

Wenn die Schüler heute darüber sprechen, nennen sie es den „Vorfall“. Der „Vorfall“, das war ein Überfall auf ihre Schule, das Georg-Büchner-Gymnasium in Lichtenrade. Zwei Monate ist es her, dass bei einem Schulfest ein Polizist von Jugendlichen schwer verletzt wurde. Als einer Gruppe schulfremder Jugendlicher der Eintritt zur Feier verweigert wurde, gingen die Abgewiesenen auf die Türsteher – Schüler des Gymnasiums – los. Der zufällig privat anwesende Polizist ging dazwischen und wurde brutal zusammengeschlagen.

Als die Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert (SPD) gestern im Rahmen der Veranstaltungen von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ in den Bundestag einlud, kamen auch fünf besonders politisch interessierte Schüler der neunten Klasse des Georg-Büchner-Gymnasiums. Rawert wollte mit Berliner Schülern und Schülerinnen über Rassismus und Gewalt in der Schule reden. Die Schüler bedauern vor allem, dass die Lehrer keine Zeit haben, um auf den Einzelnen einzugehen und es zu wenig Sozialpädagogen gebe. Außerdem finden sie es schlimm, wenn ihre Schule pauschal als „Gewaltschule“ abgestempelt wird. Die Georg-Büchner-Schüler wollen wissen, ob die von Politikern nach dem „Vorfall“ geforderten höheren Strafen für jugendliche Täter nun wirklich kommen. Sie sei nicht für neue Strafgesetze, betont Mechthild Rawert, sondern für die konsequente Anwendung vorhandener Gesetze. Büchner-Schülerin Savitra, die sich immer noch an das Blut auf dem Boden erinnert, meint, man müsse den Tätern das Gefühl geben, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch sei, erwischt zu werden.

Die anderen Neuntklässler waren damals nicht alle auf dem Schulfest, aber sie haben mit Mitschülern gesprochen, haben sich seitdem Gedanken gemacht, was man tun könne, um Gewalttaten in Zukunft zu verhindern. Bei ihnen an der Schule, erzählen sie in den Räumen des Bundestages, hätten sie kein Gewaltproblem. Schon seit Jahren engagiert sich die Georg-Büchner-Schule gegen Rassismus und Gewalt. Die Schüler berichten, dass sie im Unterricht immer wieder auf Menschenrechte zu sprechen kommen. Es gebe seit Jahren ein Antigewaltkonzept. Sie hätten im Unterricht gelernt, an wen man sich bei Problemen wenden könne, und diskutiert, wo Gewalt anfange und dass Zusehen einen Menschen zum Mittäter mache. Am Georg- Büchner-Gymnasium hat jede Klasse außerdem einen gewählten „Mediator“, der bei Problemen zu schlichten versucht. Dabei geht es darum, neutral zu bleiben und den Grund des Streits zwischen den Schülern zu finden. „Besonders viel hatte ich aber noch nicht zu tun“, meint Parastu, die in ihrer Klasse Mediator ist. Bei dem „Vorfall“ kam das Problem aber von außen, deswegen sei es schwerer, damit umzugehen. Die Schüler diskutieren deshalb darüber, was man bei der nächsten Feier tun sollte. Savitra und Debora erzählen, dass es in der Schule die Überlegung gebe, keine schulinternen Feiern mehr abzuhalten. Besser sei es, auch Schüler der Nachbarschulen einzulassen. „Dann kann sich keiner diskriminiert fühlen. Man muss auch Verständnis für die anderen Schüler haben. Die denken dann, sie dürfen nur nicht rein, weil sie aus der Realschule kommen oder so“, meint Parastu.

Inzwischen gebe es mehr Austausch mit den Schulen der Umgebung. Mathies hält mehr Kontakt mit anderen Schulen für wichtig. Die bisherigen Überlegungen, wie man ein Schulfest absichern kann, nämlich mit Hausverboten für potenzielle Unruhestifter, sehen sie eher als den falschen Weg, da sie ausgeschlossene Jugendliche herausfordere.

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